Von Ferdinand Ranft

Alsdorf

Der große Ballsaal des Alsdorfer Kasinos wirkt öde. Die drei Justizwachtmeister, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollen, haben kaum etwas zu tun. Sie langweilen sich, wie an allen anderen Prozeßtagen auch. Manchmal dürfen sie das Licht ausknipsen und den Projektor bedienen oder dem Vorsitzenden einen der an den Wänden aufgestellten Aktenordner reichen. Die drei Männer verdienen Mitgefühl.

Am 41. Verhandlungstag, dem letzten des fünfwöchigen Duells zwischen dem Sachverständigen, Professor Widukind Lenz, und den Grünenthal-Verteidigern folgen nur noch 95 Personen dem Prozeßgeschehen. Die meisten von ihnen, nämlich 59, gehören ohnehin zur „Stammbesatzung“ des Verfahrens: 6 Richter, 8 Schöffen, 15 Verteidiger mit 3 Hilfskräften, 7 Angeklagte, 3 Staatsanwälte mit einem Kriminalkommissar, 2 Anwälte der Nebenkläger, 2 als Nebenkläger zugelassene Eltern geschädigter Kinder, 4 für die Verteidigung arbeitende Parlamentsstenographen, 3 Sachverständige, 1 Protokollführer, 1 Techniker für das Tonbandgerät und die 3 Justizwachtmeister.

Die „Öffentlichkeit“ ist durch 36 Personen vertreten: 26 Zuhörer, 8 Journalisten und 2 Rotkreuzhelfer. Der sich mehr und mehr in die Länge ziehende Prozeß übt nur noch selten Anziehungskraft auf Publikum, Geschädigte, Presse, Rundfunk und Fernsehen aus.

Als der Sachverständige, Professor Lenz, Ordinarius für Humangenetik an der Universität Münster, am 12. August mit der Erstattung seines Gutachtens zu der Frage begann, ob thalidomidhaltige Präparate Mißbildungen am Embryo hervorrufen können, da freilich hatte der Contergan-Prozeß einen „großen Tag“. Lenz wurde in Alsdorf mit Spannung erwartet. Er war es ja gewesen, der im November 1961 als erster den Verdacht ausgesprochen hatte, Contergan sei für die Mißbildungswelle der sechziger Jahre verantwortlich. Sein Wort hatte schließlich dazu geführt, daß die Firma Grünenthal elf Tage danach das umstrittene Schlafmittel aus dem Handel zog. In den Augen der Öffentlichkeit war Lenz der „Kronzeuge der Anklage“, der „Ritter ohne Furcht und Tadel“, der es gewagt hatte, ein großes pharmazeutisches Unternehmen in die Schranken zu fordern. Mit seinem Auftritt in Alsdorf begann deshalb nicht nur ein wichtiger Prozeßabschnitt, in der Person von Lenz wurde der Firma Grünenthal erneut in aller Öffentlichkeit auch die Frage nach der moralischen Schuld für die Contergan-Katastrophe vorgehalten.

Kein Wunder, daß es unter diesen Umständen in der Grünenthal-Verteidigung gewichtige Stimmen gab, die von vornherein dafür plädierten, das Lenz-Gutachten – wenn möglich – durch einen Befangenheitsantrag zu verhindern. Das vorliegende „Material“ – Gutachten von Lenz für Schadenersatzprozesse gegen die Firma Grünenthal, „abfällige Äußerungen“ über den Angeklagten Sievers, und „Beeinflussung“ von Kollegen im Sinne seiner Thesen von der „Thalidomid-Embryopathie“ – war allerdings schon einmal von einem Karlsruher Gericht in einem Zivilverfahren als unzureichend zurückgewiesen worden. Der Antrag kam auch nicht. Die Verteidiger fürchteten wohl, in der Öffentlichkeit könne sonst der Eindruck entstehen, anders sei dem Gutachter Lenz nicht beizukommen. Sie entschlossen sich zu einem anderen „taktischen Konzept“: der Sachverständige Lenz sollte „Punkt für Punkt“ widerlegt werden. –