In keinem Lehrbuch der Mythologie steht es, aber der Kentaur ist ein Symbol der Wahrheit. Nur er kann es sein, denn er ist eine Kreuzung zwischen Reiter und Roß. Die Wahrheit des Reiters kann nie vollkommen sein, allzuoft widerspricht sie der Wahrheit des Rosses; doch auch das Pferd kann nicht immer recht haben, schon deshalb nicht, weil es ein Pferd ist.

Die Mythen dichten den Kentauren einen etungewissen Ursprung an, doch entschieden sind sie, so sagt die Sage, halb göttlicher und halb menschlicher Herkunft.

Die zivilisierten und kultivierten Griechen verachteten die Kentauren um ihrer Wildheit und Roheit willen. Als weise erkannten sie nur jenen Kentauren an, der ein Freund des Herakles war und anderer bedeutender Männer.

Wenn all diese Beweise nicht ausreichen sollten, jedermann davon zu überzeugen, daß der Kennur eine Allegorie der Wahrheit ist, so gibt es noch einen ganz unwiderleglichen: Nach der entscheidenden Schlacht gegen die Menschen überlebten nur die feigen Kentauren, bloß jene, die vernünftig genug waren, das Rösserpanier zu ergreifen.

Die Wahrheit ist ein Kentaur. Sie hat einen menschlichen Kopf, um zu sehen und nachzudenken, und Pferdehufe, damit sie um sich treten und flüchten kann.

Die Menschen springen mit ihr um wie mit einem Pferd: Sie reiten auf ihr, treiben sie mit der Peitsche an, füttern sie, solange sie sie brauchen, damit sie sie emportrage – und schicken sie dann auf die Schlachtbank.

Sie behandeln sie wie ein Pferd, und zwar nicht, weil sie Hufe hat, sondern weil sie einen menschlichen Kopf besitzt. Wenn sie aber genügend starke Hufe hat, benehmen sie sich zu ihr wie zu einem Menschen: Sie versuchen, sie zu bestechen.