Von Gottfried Sello

Im Jahre 1964 ist der erste Band von Kindlers Malerei Lexikon herausgekommen, der umfangreichsten und anspruchsvollsten Publikation, die uns auf dem Sektor der bildenden Kunst die sechziger Jahre beschert haben und die in ihren Dimensionen nur von der Propyläen-Kunstgeschichte übertroffen wird, die seit 1966 wieder auf dem Markt ist (drei von den insgesamt achtzehn Bänden liegen bereits vor). Die beiden Mammutprojekte sind so unterschiedlich konzipiert, daß Überschneidungen oder gegenseitige Konkurrenz nicht zu befürchten sind. Der Große Kindler befaßt sich ausschließlich mit Malerei, die Propyläen-Kunstgeschichte bietet ein Kompendium aller Künste. Kindler behandelt die Malerei unsystematisch, nicht als historischen Ablauf, sondern in Form von tausend Malerbiographien. Außerdem ist die Propyläen-Kunstgeschichte die Neuauflage eines bewährten Modells, das auf den heutigen wissenschaftlichen Stand gebracht wird, während Kindler das Risiko eines neuen Weges eingeht.

Das Kindler Lexikon hat keine vergleichbaren Vorbilder, trotz der vorhandenen Nachschlagewerke. Der „Thieme–Becker“ mit seinen 37 Bänden ist ein rein wissenschaftliches Arbeitsinstrument. Er steht in öffentlichen Bibliotheken. Er ist für Spezialisten, nicht für kunstinteressierte Laien geschrieben. Und die einbändigen Kunstwörterbücher kommen nur für eine knappe und vorläufige Information in Betracht.

In der Einführung zum ersten Band hat Helmut Kindler als programmatische Leitsätze für sein Unternehmen formuliert, „daß jede Zeit ihren eigenen Wertmaßstab für die gesamte Kunst neu suchen muß; sie kann ihn nur finden, wenn sie das einzelne Werk aus seiner Zeitgebundenheit heraus versteht und auf seine Bedeutung für die Gegenwart prüft. Also liegt die Malerei der Vergangenheit nur zeitlich, nie aber bedeutungsgeschichtlich hinter uns“.

Es wird also expressis verbis Balance angestrebt zwischen zwei rivalisierenden Aspekten: Malerei als historisch bedingtes und als aktuelles Phänomen. Der erste gilt als Domäne der Kunsthistoriker, für den zweiten sind eher Kunstschriftsteller, Kritiker, Feuilletonisten zuständig. Dementsprechend sind unter den Mitarbeitern beide Sparten vertreten. Daraus erklärt sich die unterschiedliche sprachliche Diktion der einzelnen Artikel. Im ganzen aber ist dem Kindler Lexikon eine sympathische Synthese beider Aspekte geglückt.

Mit dem fünften Band

„Kindlers Malerei Lexikon“ R–Z, Koordinator und Chefredakteur Rolf Linnenkamp; Kindler-Verlag, Zürich; 850 S., viele Abb., Subskr.-Preis Ln. 178,– DM, Ld. 192,– DM, sonst Ln. 198,– DM, Ld. 220,– DM