Karl Marx: „Englischer Alltag“; Dietz Verlag, Berlin (Ost); 302 Seiten, 6,50 M.

Robert Payne: „Marx“; Verlag W. H. Allen, London; 582 Seiten, 70 sh.

David Frost/Antony Jay: „Für England – herzlichst“, aus dem Englischen von Alfred P. Zeilen Verlag Droemer/Knaur, Zürich; 256 Seiten, 14,80 DM.

Man kann ihn sich gut als deutschen Emigranten denken, der 1933 nach London kam. Er würde sich Karl Heinz Marx nennen, ungefähr in der gleichen Gegend wohnen – NW 3 – und nur den wilden Rundumbart durch eine gestutzte Zier auf Oberlippe und Kinn ersetzt haben. Seine Familie brauchte wahrscheinlich nicht zu hungern, denn die (immer noch kapitalistischen) Verleger zahlen heute mehr als ein Pfund pro Artikel. Dafür müßte er allerdings, fürchte ich, ein bißchen besser schreiben. Denn der Kollege Marx, Londoner Korrespondent deutscher, österreichischer und amerikanischer Blätter, war kein guter Stilist. Er informierte seine Leser nicht übel, aber er liest sich heute ledern und bildungsbefrachtet.

Geht man die Themen durch, über die er seinen Redaktionen in New York oder Wien berichtete, so wären es heute wahrscheinlich dieselben. Gewiß, die Whigs gibt es als Partei nicht mehr, selbst ihre liberalen Nachfolger sind im Aussterben. Die Konstabler haben ihren aufreizend langen Stock an den Nagel gehängt. Aber sonst ist doch alles wie vor hundert Jahren: Taxifahrer-Streik, Finanzskandal, Wahlkampf, Zank um den „heiligen“ britischen Sonntag – das alles wäre auch noch Stoff für Karl Heinz Marx, der mein Kollege sein könnte. Ich würde ihm zwar abraten, den „Daily Telegraph“ die „papierene Zentralkloake von London“ zu nennen, denn als längst eingebürgerten Emigranten (auch der Innenminister wäre heuer liberaler) müßte ihn das vor den Kadi bringen, wie jenen Besitzer des „Telegraph“, der eine unschuldige Person in einem Gerichtsbericht erwähnte und dafür viel zu zahlen hatte (die Beleidigungsgerichte sind noch so erbarmungslos wie ehedem).

Sicher würde er sich auch heute noch über die „Meinungsmacher“ und ihre „Hintermänner“ hermachen. Brotneid auf seine etablierten – wir würden sagen: festangestellten – Kollegen lag ihm durchaus nicht fern. Ihn schmerzte das Obskure seiner Arbeit. „Seine Artikel in Deutsch“, schreibt der Reaktionär Parkinson in „Left Luggage“, „fanden nur sehr geringe Verbreitung. Seine amerikanischen Artikel erschienen unsigniert. In England war er praktisch unbekannt, nicht einmal die Polizei interessierte sich sonderlich für ihn.“