Von Werner Ross

Lyrikerinnen hat man gern. Sappho, Louise Labé, Gaspara Stampa, die Annette, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz, das ist eine stattliche Reihe, eine erlauchte Damengesellschaft, in die Hilde Domin mit ihrem Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“ Einlaß fand.

Daß diese kleine, fragile Person außerdem gescheit war, sprühend von intensivster Beredtheit, nahm man gewissermaßen in Kauf. Man konnte es nicht mehr ganz übersehen, als sie die „Doppelinterpretationen“ vorlegte und mit einer präzisen Einleitung versah – die aparte Konfrontation von Kommentaren zu Gedichten, verfaßt jeweils von den Autoren selber und einem „objektiven“ Kritiker. Nun, nachdem ihr theoretischer Beitrag zum Thema Lyrik vorliegt, muß man anfangen, die Lyrikerin als Denkerin ernstzunehmen –

Hilde Domin: „Wozu Lyrik heute“ – Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft, Essays; R. Piper & Co. Verlag, München; 204 S., Paperback 10,80 DM, Ln. 18,– DM.

In dem pistolenartig auf die Brust gerichteten Titel wie ein Manifest wirkend, im Untertitel an eine modisch-soziologische Abhandlung erinnernd, als Essaysammlung deklariert, ist das Buch tatsächlich eine sorgfältig und systematisch aufgebaute moderne Poetik mit einem soliden gesellschaftskritischen Sockel.

Die Lyrik-Theorie wird nicht aus dem Busen des Dichters entwickelt, sondern aus dem höchst komplizierten Wechselverhältnis zwischen Autor, Gesellschaft und Epoche. Die einzelnen, strikt aufeinander bezogenen Teile behandeln die literarische Meinungsbildung, den Arbeitsprozeß des Lyrikers, die Lyrik-Theorie, die Interpretation. Die Arena, in die sich Hilde Domin wagt, ist die der Adorno und Genossen, die Nachfolge, die sie antritt, die von Hugo Friedrichs berühmtem Buch über die Strukturen moderner Lyrik. Sie zitiert vieles und viele: Beim, Lukács, Gehlen, Brecht, Sartre, Levy-Strauß, Gadamer, Adorno, Enzensberger, Benjamin – aber, wie sie selber sagt, als „Sache des Vergnügens“: „Man zeigt, daß man in Gesellschaft daherkommt.“ Tatsächlich wird gezeigt, daß die Autorin auf der Höhe der Diskussion ist, genährt mit ihren Argumenten, sie selbständig und selbstverständlich handhabend.

Die Anlage des Buches und die konsequente Entfaltung seiner Denkschritte machen es schwer, seinen Inhalt für den Hausgebrauch – und zur Ersparung eigener Lektüre – zu referieren. Der Titel „Wozu Lyrik heute“ findet seine Antwort in der These, daß der Rückzug auf das Ich heute als die eigentliche soziale Tat zu leisten sei. Die Gesellschaft ist gesteuert, in Ost und West gleichermaßen, die lyrische Stimme als Selbstfindung ist ein Akt aggressiver Verteidigung gegen die Einreihung in das System.