Von Hans-Albert Walter

Im Herbst 1966 erschien im Luchterhand Verlag die von Fritz Hüser, Max von der Grün und Wolfgang Promies herausgegebene Anthologie „Aus der Welt der Arbeit“, ein Almanach der Dortmunder „Gruppe 61“. Max von der Grün, ihr bekanntester Autor, war bis dahin beim Paulus-Verlag, Recklinghausen, dann bei der Europäischen Verlagsanstalt in Frankfurt unter Vertrag gewesen. Sein neuer Roman –

Max von der Grün: „Zwei Briefe an Pospischiel“; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 308 S., 18,50 DM

– erscheint jetzt, wie der erwähnte Almanach, im literarisch profilierten Luchterhand Verlag, und man mag darin ein Zeichen für die Aufwertung der Industrie-Literatur sehen.

Von der Grüns Fabel setzt an einem neuralgischen Punkt an. Der gebürtige Egerländer Paul Pospischiel, Hauptfigur und Erzähler des Romans, arbeitet in einem großen Elektrizitätswerk in Dortmund. Er bedient die automatische Steuerung der Kraftwerksanlage, ist Spezialist auf einem hochtechnischen Arbeitsplatz. Eines Tages erfährt er durch einen Brief seiner in der Oberpfalz lebenden Mutter, wer 1938 in Eger seinen Vater denunziert und ins KZ gebracht hat. Der Vorfall spielte sich unmittelbar vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sudetengebiete ab. Pospischiels Vater hatte sich als religiöser Sektierer bei einigen Chargen der nazistischen Henlein-Partei mißliebig gemacht. Er wurde verhaftet, Mutter und Sohn mußten fliehen. Heute nun will die alte Frau den Denunzianten noch einmal sehen und – was unausgesprochen bleibt – bestraft wissen. Ihr Sohn soll von Dortmund herunterkommen und die Sache in die Hand nehmen.

Pospischiel, dem kein Urlaub mehr zusteht, kommt nach langem Zögern um drei Tage unbezahlten Urlaubs ein. Der Antrag wird von allen Instanzen abgelehnt, weil Pospischiel in den Arbeitsrhythmus der Schaltwarte eingeplant ist, „verplant“, wie es im Betriebsjargon heißt. Ihn freizustellen, brächte Unordnung in den Betrieb. Zudem möchte niemand an die Vergangenheit rühren. Was gewesen ist, ist gewesen, ändern kann man es nicht mehr – dies das stets wiederkehrende Motto. Es ist natürlich nicht schwer, auch darin den Wunsch nach Ordnung zu erkennen, die Abneigung gegen unkontrollierbare Folgen.

Nun ist Pospischiel selber an der Fahrt nicht sonderlich interessiert; auch er möchte sich vor der Konfrontation mit der Vergangenheit drücken. Die ablehnende Haltung seiner Vorgesetzten zwingt ihn jedoch in die Haltung des Opponenten: Er fährt ohne Erlaubnis. Das Resultat war vorauszusehen. Der Denunziant, einst strammer Nazi bei Konrad Henleins Sudetendeutscher Partei, ist jetzt ein biederer Rentner. Er kann oder will sich an nichts erinnern. Die Fahrt bleibt ergebnislos. Es gibt „keine Gerechtigkeit für die kleinen Leut“, wie Pospischiels Mutter es formuliert.