Von Sandra Sassone

Rom, im September

Minister zu sein in einer Regierung auf Abruf ist keine dankbare Aufgabe. Zum ersten Male Außenminister zu sein in solch einem Übergangskabinett ist noch undankbarer. Das Amt allein verleiht in diesem Falle kaum Autorität. Sein Verwalter läuft allzu leicht Gefahr, im internationalen Gespräch nur höflich, aber im Grunde uninteressiert angehört zu werden. Seiner Stimme fehlt das Gewicht der Stabilität und Kontinuität. Er muß schon sachlich und menschlich mehr überzeugen als jeder andere, wenn er überhaupt ernsthaft zur Kenntnis genommen werden will.

Giuseppe Medici, seit dem 24. Juni dieses Jahres Außenminister in der italienischen Übergangsregierung Leone, hat diese für ihn und sein Land nicht leichte Situation bisher mit beachtlichem Geschick und viel Eleganz gemeistert. Er hat es verstanden, das Provisorium auf außenpolitischem Gebiet fast vergessen zu machen.

Dabei ist Medici in seinem Wesen und Auftreten alles andere als der Typ des ehrgeizigaktiven Ellenbogenpolitikers. Von seinem Vorgänger, dem jetzigen Senatspräsidenten Amintore Fanfani, scheinen ihn Welten zu trennen. Spektakuläre und gelegentlich auch recht gewagte außenpolitische Initiativen, mit denen der dynamische Toskaner in den vergangenen Jahren – nicht immer zu seinem und seines Landes Nutzen – mehrfach von sich reden gemacht hatte, liegen dem neuen Minister fern. „Meiner Meinung nach ist die beste Diplomatie diejenige der Wahrheit und der Einfachheit“, bekannte er kürzlich während der Genfer Konferenz der nichtatomaren Mächte. Auch wenn man diese Devise aus dem Munde eines erfahrenen und keineswegs naiven Politikers nicht ganz wörtlich nehmen sollte, so bleibt doch als Grundsatz der Vorrang der Sachlichkeit vor dem, was man hierzulande „furbizia“ nennt und was vielleicht am besten mit Durchtriebenheit übersetzt werden kann.

Diese Sachlichkeit zeigt sich schon im Persönlichen. Medici sucht nicht die „Publicity“ um jeden Preis. Über sein Privatleben ist kaum etwas zu erfahren. In dem trockenen offiziellen Lebenslauf, den die Pressestelle seines Ministeriums verteilt, findet sich wenig von dem Pathos und der Eigenpropaganda, womit so mancher italienische Politiker gern seinen beruflichen und politischen Werdegang umrankt.

Medici wurde 1907 in Sassuolo in der Provinz Modena geboren. Nach dem Studium der Agrarwissenschaft lehrte er an der Universität Perugia, Turin, Neapel und Rom. Seine agrarwissenschaftlichen Kenntnisse bildeten lange Zeit auch die Grundlage für seine politische Tätigkeit. 1948 war Medici Mitglied der italienischen Delegation bei der Marshallplan-Konferenz. Dann vertrat er Italien auf drei internationalen Konferenzen der Agrarwirtschaft; von 1948 bis 1962 war er Präsident des nationalen Instituts für Agrarwirtschaft; seit 1958 leitet er die Akademie für Landwirtschaft. Den Auftakt seiner langen Karriere als Regierungsmitglied bildete folgerichtig eine eineinhalbjährige Amtszeit als Landwirtschaftsminister (von Januar 1954 bis Juli 1955).