Von Paul Moor

Wer die größten und besterhaltenen römischen Ruinen sehen will, muß Europa verlassen und bis an die Küste des östlichen Mittelmeers reisen – in den Libanon, zwischen Israel im Süden und Syrien im Norden. Dies ungewöhnlich gesegnete Land besitzt zu allem Überfluß auch das einzige Skigebiet des ganzen Mittleren Osten.

Die schweren, majestätischen Ruinen von Baalbek erregten zum erstenmal Aufsehen, als 1757 in London Robert Wood ein Buch über sie veröffentlichte. Zwei Jahre später brachte ein schweres Erdbeben die beeindruckende Akropolis in den Zustand, in dem sie heute noch zu sehen ist: ein Jupiter-Tempel, von dem noch sechs Säulen stehen,mit zwanzig Metern die höchsten der Welt; ein Bacchus-Tempel, dessen 19 Pilaster ein teilweise erhaltenes, reich verziertes Steindach tragen; ein kleiner, aber besonders schöner Venus-Tempel. Diese drei Tempel in Baalbek bilden die Bühne für eines der unwahrscheinlichsten Musik- und Theater-Festivals der Welt.

An diesem Festival teilzunehmen, bedeutet: eine Zwei-Stunden-Fahrt im Auto von Beirut aus an der Küste entlang, über einen 1500 Meter hohen Paß, dann ungefähr dreihundert Meter wieder hinunter in das fruchtbare Bekaa-Tal, wo Baalbek direkt an der bergigen Grenze nach Syrien liegt. Die Rückfahrt nach Beirut in der Nacht kann nichtlibanesisches Haar weiß werden lassen; die einheimischen Chauffeure betrachten das Fahren auf den Serpentinenstraßen als blutigen Sport und ihre Autos als tödliche Waffen. Nervöse Leute und Feiglinge sollten die Nacht lieber im Hotel Palmyra verbringen; nur wird dieses wenige Minuten von den Ruinen entfernte Asyl in der nächsten Zukunft leider verschwinden: Das ganze neue Dorf Baalbek steht nämlich auf phönizischen, griechischen, römischen und arabischen Ruinen, und die Archäologen, die das Palmyra untertunnelten, haben dabei etwas gefunden, von dem einige vermuten, es werde sich als das größte römische Amphitheater überhaupt entpuppen.

Weil der größte Teil des Publikums also immer ziemlich weit reisen muß, liegen die Vorstellungen des Baalbek-Festivals vor allem am Wochenende. Obwohl man sich auf die europäischen Künste konzentriert, kommt die Kultur des Landes nicht zu kurz, in dem immerhin auch seit neunhundert Jahren zivilisierte Menschen leben.

In diesem Jahr begann das Festival mit zwei Veranstaltungen, die je sechs Stunden dauerten: Oum Koulsoum, eine ägyptische Altistin, ist ungefähr siebzig Jahre alt, hält aber trotzdem mit ihren Interpretationen arabischer Lieder von Liebe und Sehnsucht auf beinahe hypnotische Weise Millionen von Bewunderern in der ganzen arabischen Welt in Bann. Trotz ungewöhnlich hoher Preise – bis zu 25 Dollar – hörten ihr an jedem Abend ungefähr zehntausend Menschen zu; viele von ihnen waren extra aus Damaskus, Kuwait, Bagdad und Kairo herbeigeflogen.

Ein libanesischer Gesang- und Tanzabend zeigte ein paar so außergewöhnlich schöne Dinge, daß nicht einmal die dumme Geschichte ohne jeden Handlungsfaden, die sie zusammenhalten sollte, und auch nicht die amateurhafte Regie sie zerstören konnte. Was dieses junge, begeisterte Ensemble und seine kaum bekannten Leiter boten, kann man nicht unter Volkskunst einordnen; es ist eher das libanesische Gegenstück zu jener gereinigten Folklore, die auch im Westen nicht unbekannt ist: mit geschriebenen Dialogen und Liedern, eigens komponierter Musik und sorgfältig ausgefeilter Choreographie. Trotzdem veranlaßte mich vieles an diesem Abend, die temperamentvollen jungen Araber in der ersten Reihe nachzuahmen, die aufsprangen, ihre Begeisterung herausbrüllten und die Arme ihren Idolen auf der Bühne entgegenstreckten.