Von Waldemar Besson

Friedrich Heer: „Der Glaube des Adolf Hitler, Anatomie einer politischen Religiosität“; Bechtle Verlag, München und Esslingen; 752 Seiten, 48,– DM.

Friedrich Heer ist einer der produktivsten Autoren deutscher Sprache. In kurzen Abständen folgt Band auf Band, und man schmälert diese Fruchtbarkeit nicht, wenn man anmerkt, daß sich die Themen gelegentlich überschneiden und immer wieder Stücke aus älteren Werken mit in die neuen eingebaut werden. Nun hat sich der Wiener Friedrich Heer des Linzers Adolf Hitler angenommen, da ja, wie Heer meint, die Hauptstadt Oberösterreichs als eigentliche Heimat Adolf Hitlers anzusehen ist. Dessen Wienkomplex erscheint demnach als fast natürlicher Ausfluß der Haßliebe eines Linzers.

Heers Methode ist einfach. Individuelle Eindrücke des heranwachsenden Hitler werden auf allgemeinere zeitgenössische Verhältnisse projiziert und zugleich als Symptome für die innere Zersetzung der Habsburger Monarchie gedeutet. So können der Bürgermeister Lueger und der Ritter von Schönerer einmal mehr zu politischen Kirchenvätern Hitlers erklärt werden. Der in der sterbenden Donaumetropole weitverbreitete Antisemitismus erscheint als Nährgrund des Nationalsozialismus. Hitlers Gegner ist die österreichische Sozialdemokratie. Marxismus und Judentum sieht er in Wien eng verschwistert. Heers These lautet kurz und bündig: Die Wiener Erfahrungen des in seiner Karriere gescheiterten Adolf Hitler sind die Ursprünge der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Aber Heer gibt diesem wohlbekannten Wienmotiv des Dritten Reiches eine originelle Wendung, und deswegen ist seine Interpretation ebenso faszinierend wie problematisch. Der Glaube des Adolf Hitler wird nicht nur auf den primitiven Rassismus der Ostara-Hefte des Lanz von Liebenfels reduziert. Der Historiker Heer zieht die katholische Linie in der Österreich-Erfahrung Hitlers stärker aus als jeder andere vor ihm. Seine Hitler-Deutung, so schreibt er im Vorwort, bilde eine Einheit mit dem unmittelbar vorausgegangenen Buch über „Gottes erste Liebe“: „Der österreichische Katholik Adolf Hitler fand in der katholischen Kirche, die er haßte, verachtete, bewunderte, nachahmte, keinen einzigen Gegenspieler, der ihm gewachsen war.“ Die liturgischen Feiern der Kirche seien zu Modellen der Massenaufmärsche und des nationalsozialistischen Opferkults geworden. Trotz aller institutionellen Macht habe die katholische Kirche nichts einzusetzen gehabt, um den eigenen ungebärdigen Sproß zu bändigen. Die Pervertierung der christlichen Inhalte, der Zusammenhang des christlichen Antisemitismus mit dem Hitlers wurde lange nicht bemerkt, und dann, ob des gleichzeitigen radikalen Antikommunismus willen, eher toleriert. Wichtig für Heer ist es, daß Pius XII. auch seinerseits vom mitteleuropäischen Katholizismus stark bestimmt war, nur eben von seiner glänzenden Fassade, die der Wirklichkeit nicht mehr entsprach. Deswegen, so meint der Historiker, sei auch Pius’ Verhältnis zu einer politischen Bewegung stets ambivalent gewesen, deren Ideen und Ausdrucksformen bei allem Gegensatz die Herkunft aus katholischen Traditionen nie verleugnet hätten.

Diese These ist zu provozierend, als daß der Verfasser ohne eine breite Beweisführung auskäme. Der Schriftsteller Friedrich Heer muß einen riesigen Zettelkasten mit einschlägigem Material der europäischen Geistesgeschichte zur Verfügung haben. In hämmerndem Stakkato folgt Zitat auf Zitat, Variation auf Variation. Fast atemlos jagt der Verfasser seiner eigenen These nach, kein Wunder, daß er nicht selten die gleichen Argumente wiederholt. Mindestens dreimal ist davon die Rede, daß der kroatische dreimal Ante Pavelic, einer der schlimmsten Repräsentanten der Unmenschlichkeit in Hitlers Europa, schließlich doch in Spanien mit päpstlichem Segen gestorben sei. Kein Wunder, daß Wichtiges und Unwichtiges, Relevantes und Irrelevantes unvermittelt nebeneinanderstehen. Heers Stil ist im höchsten Grade assoziativ. Unerschöpflich sprudelt die Quelle der Lesefrüchte, und alles, alles muß vorgestellt werden.

Der Leser ist von dieser vorwärtsdrängenden Unruhe des Autors wie gebannt. Heer ist ein durch die Ereignisse dieses Jahrhunderts tief erschütterter Mann. Er will mit seiner eigenen ungeheuerlichen Erfahrung ins reine kommen. Aber gerade das, was in der scharfen subjektiven Pointe seine Stärke ist, wird zur Schwäche, wenn man sein Buch als wissenschaftliche Literatur einordnet. Wie der Stil und die Diktion, so leidet auch das Argument an mangelnden Proportionen. Disziplin und Ordnung sind weder stilistisch noch gedanklich Heers Tugenden. Sicher ist die Jugendgeschichte Adolf Hitlers ein Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus. Aber es gibt auch andere Schlüssel. Auffallend, wie Heer das Kriegserlebnis von 1914 zurücktreten läßt, die Geborgenheit, die der Gefreite ohne Familie in der Armee fand. Wir hören wenig von jenem politischen Urerlebnis Hitlers, dessen Bedeutung vor allem Ernst Nolte hervorgehoben hat: der Münchener Räterepublik. Noch weniger ist von Hitlers schillernden Beziehungen zum konservativen Bürgertum die Rede, dem man vieles vorwerfen kann, nur nicht, daß es primär katholisch geprägt gewesen sei.