Von Kurt Wendt

Mit Goldpackung und „Superlong“-Format will die Zigarettenindustrie die Raucher bei der Stange halten. In diesem Jahr wurden Mitte September acht neue Marken auf den Markt gebracht. Keine ist aber bisher zu einem echten Schlager geworden. Das Haus Reemtsma, Deutschlands größter Zigarettenhersteller (Reemtsma-Cigaretten werden übrigens immer noch mit „C“ geschrieben) hat sich mit zwei Neulingen an diesem munteren Spiel beteiligt, mit der „Stuyvesant superlang“ und mit einer Roth-Händle-Filter-Zigarette.

„Wenn sich ein Messias ankündigt, laufen ihm viele Propheten voraus“, kommentierte Paul Rieth, bei Reemtsma verantwortlich für Marketing, die Lage auf dem Zigarettenmarkt. Und mit dem Messias meint er die zu Beginn dieser Woche wiedergeborene „R 6“. Diese 10-Pfennig-Zigarette soll an eine große, inzwischen schon zum Mythos gewordene Tradition anknüpfen.

Über die Wiedergeburt der „R 6“ war in der Branche schon lange die Rede. Die Furcht, daß sich der Vorkriegserfolg mit der „R 6“ wiederholen wird, hat die Konkurrenz mit neuen Marken ein gezieltes Störfeuer legen lassen. Deshalb wird die neue „R 6“ markttechnisch gesehen auch keinen leichten Start haben. Durch die zahlreichen Neueinführungen ist nämlich die finanzielle Potenz des Handels stark in Anspruch genommen. Außerdem wird es nicht einfach sein, der „R 6“ auf den Ladentheken noch einen werbewirksamen Platz freizumachen. Rieth: „Die ‚R 6‘ wird beileibe kein Selbstgänger werden.“

Über die Reaktivierung der Marke gab es bei Reemtsma langjährige Auseinandersetzungen. Sie zogen sich über 13 Jahre hin, erst in den letzten beiden Jahren ist dann intensiv an der neuen „R 6“ gearbeitet worden. Die Verkaufspsychologen mußten zunächst einmal Klarheit darüber gewinnen, ob die Masse der Verbraucher die „R 6“ nicht mit einer Zeit identifiziert, an die sich heute niemand mehr gern erinnert, an die Vorkriegs- und Kriegsjahre. Andererseits: Je mehr die Erinnerung an diese Zeiten verblaßt, um so weniger Leute wissen mit der alten Marke noch etwas anzufangen. Ihr Image schwand...

Dennoch sagen Fachleute der „R 6“ einen großen Anfangserfolg voraus, obwohl sie mit ihrem Preis von 10 Pfennig je Stück in der gehobenen Preisklasse liegt – und damit ebenfalls an ihre Vorgängerin angeknüpft, die 1938, dem letzten Jahr vor der Tabakbewirtschaftung, in ihrer Preisklasse von vier Pfennig einen Marktanteil von 55 Prozent erringen konnte. Auf dem gesamten Zigarettenmarkt, der damals von den 2 1/2- bis3 1/3-Pfennig-Zigaretten beherrscht wurde, hatte die alte „R 6“ in ihrer Glanzzeit einen Anteil von 14 Prozent.

Als die alte „R 6“ herausgebracht wurde, galt sie als eine Pioniermarke. Das begann schon beim Namen. Er nahm Abschied von den bis dahin gebräuchlichen Phantasiebezeichnungen, die vielfach ihren Ursprung im Orientalischen hatten oder wie „Trommler“ Sinnbilder einer marschierenden Nation sein wollten. Die Pionierleistung erstreckte sich mehr noch auf den Tabak der Zigarette („doppelt fermentiert“) und endete in der Verpackung, die für damalige Verhältnisse betont sachlich gehalten war. Für die Schlichtheit glaubte man beim Publikum sogar erst um Verständnis bitten zu müssen. Jede Schachtel war deshalb mit dem Aufdruck versehen: „Die in dieser Mischung enthaltenen wertvollen Tabakprovenienzen bedingen eine sparsame Ausstattung.“