Von Werner Weber

Den Titel des neuen Romans kann man wörtlich nehmen –

Siegfried Lenz: „Deutschstunde“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 560 S., 26,– DM.

In einer auf einer Elbinsel gelegenen Anstalt für schwererziehbare junge Leute werden auch Deutschstunden gegeben. Einmal heißt das Thema für den Aufsatz „Die Freuden der Pflicht“. Jeder löst die Aufgabe, wie er es kann oder mag. Eher ungewöhnlich zieht sich der eine, Siggi Jepsen, aus der Sache: gibt leere Blätter ab. Das darf der Deutschlehrer nicht hinnehmen, so wenig wie der Direktor der Anstalt. Aufgaben sind dazu da, daß man sie löst. Versäumte Arbeit zieht Strafarbeit nach sich. Man macht Siggi Jepsen klar, es sei immerhin zu seinem Wohl gedacht, wenn er nun, eingeschlossen in eine Zelle, die Sache noch einmal anpacken könne –„Die Freuden der Pflicht“. Strafarbeit; nicht eigentlich strafend gemeint, sondern eben als Hilfe für einen jungen Schwierigen, der etwas Rechtes von sich geben soll.

Siggi Jepsen sitzt in der Zelle und versucht zu schreiben. Je länger er schreibt (es wird lang gehen, wochenlang), desto schwieriger wird für uns der Junge. Es fragt sich, ob da ein Junge schreibe. Oder anders: was aussehn möchte wie eine simple Strafarbeit, das wird zu einer unheimlich angelegten Geschichte. Daran arbeitet ein Junge; daran arbeitet (Geist der Erzählung) ein erfahrener Mann. Geschichten werden aus wechselnder Distanz erzählt, aus unterschiedlichem Erfahrungsvermögen ineinander gesprochen. Das Jetzt, das Gestern, Faßbares und Geahntes treiben in der Sprache hin und her. Der Erzähler steht über der Sache (zum Beispiel: „... ich möchte ihn nicht ohne Vorbereitung unterbrechen, ... ich möchte die Begegnung verzögern .. .“); dann wieder geht er völlig in sie hinein, als sei er an sie verloren; oder er steht da, spricht uns an und läßt einen sehn, wie er buchstäblich mit den Erfahrungen schaltet und waltet, wie er ausläßt, beschleunigt, verzögert – es ist, als höre man einen guten alten Erzähler, der seinem Erzählenkönnen blindlings traut. („So, und jetzt lasse ich vier unterschiedlich gewachsene, sehr unterschiedlich gekleidete ... Männer aussteigen, fordere sie auf, sich zunächst einmal umzutun .. .“)

Aber Siegfried Lenz braucht das Mittel des Sich-Einmischens, des Metiergeplauders nicht, um die Berichts-Wohligkeit zu steigern, sondern um die Wohligkeit zu stören. Er zeigt, daß er die Geschichte macht, daß er sie in der Hand hat, sie so und anders führen könnte. Oder daß sie ihn so und anders zu führen vermöchte? Souveränität und Ausgeliefertsein; Sprechen im Geschiebe der Erinnerungen. Die unbeschriebenen Blätter, die Siggi Jepsen dem Deutschlehrer abliefert: Zeugnisse dafür, daß es schwer ist, eine Geschichte hinzukriegen, die sich nicht mit Anfang und Ende anbietet, sondern mit jedem ihrer Augenblicke in jedem Augenblick da ist.

Wie beikommen? Abermals fällt ein Wort, das zur Theorie des Erzählens gehören könnte und hier zugleich als etwas ganz Einfaches dem jungen Jepsen und mit ihm dem erfahrenen Mann gehört: „Ich bin bereit. Und da ich dabei voran muß, will ich zurückgehen, eine Auswahl treffen, einen Ort suchen, vielleicht doch den Polizeiposten Rugbüll, oder lieber gleich die ganze schleswig-holsteinische Ebene zwischen Glüserup, der Husumer Chaussee und dem Deich...“ Und später dies: „Ich erzähle nicht von irgendeinem, sondern von meinem Ort, suche nicht nach irgendeinem Unglück, sonderen nach meinem Unglück, überhaupt: ich erzähle keine beliebige Geschichte, denn was beliebig ist, verpflichtet zu nichts.“