Von Hansjakob Stehle

Preßburg, im September

Journalist – das ist schlecht!“, hatte der österreichische Grenzbeamte befürchtet, als er in meinen Paß sah. Aber an dem tschechoslowakischen Schlagbaum, wo die Fahne nicht mehr auf Halbmast weht, ist jeder Reisende gleich willkommen. Der Grenzer freut sich, daß die Einreise – mit einem Spezialpapier der Konsularbehörde – wenigstens zur Brünner Messe wieder möglich geworden ist. An den Fenstern des Zollhauses kleben große Photos von Dubček und Svoboda, den Symbolen „unserer Freiheit“, wie darunter steht.

Paßkontrolle, Geldwechsel, der Blick in den Kofferraum – alles ist wie immer. „Fast normal“, sagt der tschechoslowakische Grenzoffizier, und er betont das Wort „normal“, so wie man es überall in der Tschechoslowakei heute tut – das Schlüsselwort. Zwei junge sowjetische Offiziersanwärter stehen tagsüber am Schlagbaum und zählen die Ein- und Ausreisenden – nichts sonst. „Aber jetzt sind sie zum Abendessen gefahren, und auch die Mittagsruhe halten sie streng“, erzählt der tschechische Zöllner.

Fünf Rekruten kauern zweihundert Meter landeinwärts neben ihrem Panzerwagen. Es sind die einzigen, denen ich auf dem Weg nach Brünn begegne. Auch zwischen Brünn und Preßburg sind nur einige Jeeps und Lastwagen zu sehen, keine Panzer, keine Kanonen, kein Feldquartier. Kein fremder Soldat in den Städten und Dörfern auch zwischen Prag und Brünn, so berichten übereinstimmend alle Reisenden.

Wo sind sie also, die „Retter des Sozialismus“, die nach Meinung der Moskauer Prawda eine „Erziehungsaufgabe“ zu erfüllen haben und vor allem die Jugend der Tschechoslowakei bekehren sollen? In den Wäldern, wo sie biwakieren, dürfte ihnen die Erfüllung dieser Aufgabe schwerfallen. „Was haben sie vor?“ Immer wieder hört man diese Frage, weil niemand so recht dem Frieden trauen mag. Weil kaum zu glauben ist, daß die Sowjets am 21. August politisch und psychologisch soviel Porzellan nur zerschlagen haben, um dem Lande am Ende doch zu erlauben, daß es seinen im Januar begonnenen Weg zu einer sozialistischen Demokratie, wenn auch stark verlangsamt, weiter geht...

Brünn bietet das Bild einer Stadt, die fest entschlossen scheint, ihre eigenen Ängste zu ignorieren. Mit nur einer Woche Verspätung hat die 10. Internationale Messe mit 1463 Ausstellern aus 31 Ländern ihre Tore geöffnet, als sei nichts geschehen. Zwar regt sich keine Hand zum Beifall, als Außenhandelsminister Vales die Gäste aus der Sowjetunion und den anderen vier Interventionsländern begrüßt, der demonstrative Applaus gilt Rumänen, Jugoslawen und westlichen Ländern; aber nichts, außer ein paar übermalten Straßenschildern, erinnert mehr an die heißen Augusttage.