Von Toni Kienlechner

Ein „sonderbares Epos“ nannte die Autorin selber ihren großen Roman

Elsa Morante: „Lüge und Zauberei“ (Originaltitel: „Menzogna e sortilegio“), aus dem Italienischen von Hanneliese Hinderberger; Insel Verlag, Frankfurt; 870 S., 28,– DM.

In den zwanzig Jahren nach seinem Erscheinen in Italien ist unser literarisches Konzept weit abgetrieben: Einer Familiensaga in all ihren kunstvollen Verschränkungen über 900 Seiten zu folgen, erscheint uns fast unmöglich. Wir möchten uns wehren gegen die erzählerische Pracht und Weitschweifigkeit, die sich so spät auf die kargen Vorstadthalden unserer enthaltsamen, verschlüsselten Prosa verirrt hat – um dann zu begreifen, daß dieses Buch zeitlos wird durch genau jene Eigenheit, die ihm zu seiner Zeit im Weg stand in der gebührenden Wertung der Kritik.

Das Buch von Elsa Morante ist in der Tat ein „Frauenroman“, aber nicht, weil es ihm an Form gebräche, sondern weil er erfüllt ist mit der immer noch geheimnisvollen spezifisch weiblichen „Wahrheit“ und Leidenschaft, deren rückhaltlose Offenbarung so oft gefordert wurde.

Die junge Elisa, das schreibende Ich der Geschichte, lebt in einer fast klösterlichen Abgeschiedenheit und versucht, mit Hilfe ihrer „einzigen Freundin, der Phantasie“ dem Rätsel nachzugehen, das ihr die frühverstorbenen Gestalten ihrer Familie zurückgelassen, haben. Der „Genius der Lüge“ ist es, der ihr beisteht, wenn sie an die verschlossenen Tore der Existenz pocht und ruft: „Ihr Toten, prunkende Gastgeber, nehmt mich auf in eure königlichen Gemächer!“

Die „königlichen Gemächer“ liegen in einer mythischen Stadt im italienischen Süden, in der grausamen Abgeschlossenheit einer Gesellschaft, die sich seit der Gewaltherrschaft der Normannen kaum verändert hatte: befangen im Gemisch von Armut und Stolz, antikem Aberglauben und katholischem Gnadenkult, abendländischer Skepsis und orientalischer Glut.