Von Petra Kipphoff

Schneewittchen und die sieben Liebhaber: Der Trick ist hübsch und so gewaltsam nicht, denn schließlich sind, wer hätte schon einmal etwas von Zwergenfrauen gehört, Zwerge immer männlichen Geschlechts. Aber man muß dieses seltsame Nur-Männer-Völkchen und einiges, was dazugehört, nur einmal aus dem Märchen-Diminutiv herausholen: Dann wird aus dem Gäbelchen eine Gabel, dem Geräuschen ein Gemüse und dem Bettchen ein Bett. Schneewittchen und die Mini-Männer, eine Super-Frau und sieben Männer, die ihr nicht gewachsen sind, die vergeblich versuchen, sie bei Laune zu halten, während sie, nicht ganz ausgelastet, Torheiten begeht und vom achten träumt – stand’s so nicht auch schon bei den keuschen Brüdern Grimm?

Um Schützer deutschen Volksgutes nicht in einen Fehlstart zu treiben: Donald Barthelme, der hier so munter neben den Spuren der „Kinder- und Hausmärchen“ wandelt, geht es nicht darum, auf Kosten der guten Grimms eine flotte Travestie abzuziehen. In dem, nun ja, Roman

Donald Barthelme: „Schneewittchen“ (Originaltitel: „Snowwhite“), aus dem Amerikanischen von Maria Bosse-Sporleder; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 196 S., 15,– DM

ist die Märchen-Konstellation nur der Vorwand, die gute alte Geschichte nur die Folie, vor der die nach dem Prinzip des Nicht-Prinzips arrangierten Details in leuchtenden Pop-Farben erstrahlen.

Schneewittchen ’68 ist „eine schlanke dunkle Schönheit, die sehr viele Schönheitsflecken aufweist: einen über der Brust, einen über dem Bauch, einen über dem Knie, einen über dem Knöchel, einen über der Hinterbacke, einen im Nacken. Alle befinden sie sich auf der linken Seite, mehr oder weniger in einer Reihe, auf dem Weg hinauf oder hinunter“.

Ein paar Einleitungssätze, graphisch ergänzt durch sieben runde Punkte (im New Yorker, wo die Geschichte zuerst abgedruckt wurde, waren es zierliche Schneesterne), in denen Barthelme das Grundmuster skizziert, seine Methode vorzeigt. Er läßt ein altes Klischee auf ein neues auflaufen, hungert eine alte Märchenseligkeit neben einer neuen Banalfrivolität aus, oder umgekehrt, und das Ergebnis kann dann nur noch so aussehen wie der Kapitelanfang: „Bill hat jetzt genug von Schneewittchen.“