Von Marie-Luise Scherer

Berlin

Man schien zu wissen, daß Udo am Ende immer viele Blumen von vielen Mädchen bekommt. Daß sich dann alles ballt auf dem Podest. Daß Udo dann nur blindlings nach den Händen greifen und sein Blick die Adressaten gar nicht einzeln fassen kann.

Ja, man wußte es noch aus dem Vorjahr. Da startete er auch seine Tournee in der Berliner Philharmonie im Tiergarten. Und die Mädchen mit den Rosen waren damals Meterware, zuerst im Defilee, dann in der Horde, und ganz am Schluß, nach einer Stunde verehrender Hartnäckigkeit, waren sie schuld daran, daß die Saalhüter das Wort „Polizei“ in den Mund nehmen mußten. Auf so eine massierte Vertreibung aus Udos erschöpfter Leibhaftigkeit ließen sie sich in diesem Jahr nicht ein. Sie überquerten gliedweise die Bühne. Keine mit leeren Händen. Eine war nicht mehr im Mädchenalter, und dann ging ein Kind über die hellen Parketthölzer, ein Kind mit entdornter, kleinköpfiger Rose in der Hand. Und das Kind schaffte, was den anderen ein Traum bleiben mußte – in Udos Armen den Boden zu verlieren.

Die Gebinde werden teuer. Eine Cellophanschachtel mit Orchidee im venenzarten Wasserröhrchen ist dabei. Die Spenderin drückt dafür ihren Kuß nicht leise auf, sondern knallt ihn auf das Jochbein des Sängers. Man verlangt ihm viele Küsse ab. Fordernde Naturen schonen auch nicht seinen Mund. Udo Jürgens ist schuldig am permanenten Siedepunkt der Frauen. Und der Flügel seines Pianisten Heinz Allhoff wird durch die Blumenbürde mehr und mehr zum Sarkophag.

„Mercie Cherie“, zwei französische Happen, nicht größer als das galante Repertoire eines westwärts orientierten Fernfahrers, haben es vermocht, die Niederung der leichten, deutschen Lieder anzuheben. Dieses Lied macht Staudämme defekt, sticht Hochöfen an und zwingt Hingabe in die Gesichter. Die Frau, das sensible, vom Weh geschundene Wesen, fühlt sich vom Sänger verstanden. Er klagt in ihrem Sinne. Rechnet ab mit den in Liebe reisenden Profitmachern: „Sag ihr, ich laß sie grüßen, sag ihr, es geht mir gut.“ Kein Monsun macht matter. Udo projiziert Wünsche, denen der Nebenmann im Nebensessel nicht begegnen kann. Udo haucht, ist mit elektronischem Verstärker so leise, daß die Herzen wie in einem medizinischen Kultur-Kurzfilm laut galoppieren. Dieser Ebbe folgen dann die Gewalten. Udo, wie seine Vertrauensmänner und die geschmückten Frauen ihn nennen, versteht sich auf das Glück der Strapaze. Rhythmisch-ungestüm, die Füße schnippen schneller als eine Schere beim Nackensäubern. Manchmal muß er Kamillentee trinken.

Udo ist 1,86 Meter groß und schmal, eine Lieblingsfigur ehrgeiziger Schneider. Einmal bat ihn Pierre Cardin, ihm einen Anzug schenken zu dürfen. Auf der Bühne trägt er immer seinen gepaspelten Seidensmoking mit rotem Futter und rotem Einstecktuch.