Von Rudolf Walter Leonhard

"Mit jeder Zeile, die er über mich schreibt, schreibt er mir einen schnoddrigen Nekrolog." Robert Neumann über R. W. Leonhardt, Tagebuch Seite 472.

Timm, knapp acht, sagen wir lieber sieben Jahre alt, verbringt die Sommerferien auf der Insel Sylt, und unter dem Datum des 26. Juli 1968 vertraut er seinem Tagebuch an: "Heute wahr schöner Sonnenuntergang wir waren nemlich gerade dar die Sonne siet erst aus wie eine dicke Apfelsine es standen keine Wolken am Hiemel es waren vile leute dar."

Ich unterschätze die jüngere Generation wohl nicht und meine dennoch, daß dieser Satz – dank Timmis modischer Syntax ist es ja tatsächlich nur ein einziger Satz – wenig Aussichten hat, in die deutsche Literatur einzugehen.

Was aber muß eigentlich hinzukommen, damit ein Tagebuch, wie wir es alle in schwachen Stunden einmal geführt haben, "Literatur" wird? Die Frage stellt sich bei der Lektüre von

Robert Neumann: "Vielleicht das Heitere", Tagebuch aus einem andern Jahr; Kurt Desch Verlag, München; 608 S., 25,– DM.

Der Klappentexter macht, wie es seine Aufgabe ist, den Leser neugierig: "Der Verleger", so schreibt er, "veröffentlicht dieses ebenso weise wie bösartige, angreiferische wie angreifbare, komische wie schwermütige Buch nicht nur, um die maßlose Ungerechtigkeit an den Pranger zu stellen, mit der er selbst und einige seiner besten Freunde darin behandelt werden; nicht nur, weil er zu dem Satz Voltaires steht, daß auch dem Gegner die Möglichkeit gegeben werden soll, seine noch so fragwürdige Meinung zu publizieren – nicht nur, weil er mit diesem Freund und Gegner einen Generalvertrag abgeschlossen hat, der ihn zu drucken zwingt, was er anderen Freunden zuliebe gern ungedruckt ließe –, sondern vor allem deshalb, weil er in diesem Tagebuch aus einem andern Jahr so viel Kraft, Courage, Charme und Souveränität sieht, so viel Meisterschaft und Lebensfülle, daß er es den deutschen Lesern nicht vorenthalten darf."