Moskaus Vorgehen in Prag kommt uns teuer. Die USA-Reisenden Birrenbach (CDU-Bundestagsabgeordneter) und Schmidt (Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion) konnten in Washington von ihren Gesprächspartnern vor allem die Erwartung hören, daß angesichts der Vorgänge in der Tschechoslowakei die Bundesrepublik ihre Pflicht als NATO-Partner nun voll erfülle. Die Verbesserungen beim Heer und der Luftwaffe sind zwar bescheiden, führen aber zu Mehrausgaben des Bundes. Von anderen NATO-Ländern ist keinerlei zusätzliche Anstrengung zu erwarten, um mit dem veränderten militärischen Gleichgewicht in Mitteleuropa fertig zu werden – auch nicht von den USA.

Dagegen wollen Gerüchte nicht verstummen, daß dem deutschen Botschafter in Washington, Heinrich Knappstein, schon vor Monaten von amerikanischer Seite angedeutet worden sei, man würde es in den USA gern sehen, wenn die deutsche Wirtschaft ihre Projekte über die Entwicklung von Kernkraftwerken vom Typ der „schnellen Brüter“ etwas langsamer anlaufen lasse. Sollten die „schnellen Brüter“ schon als lästige Konkurrenz empfunden und auf diesem Wege ausgeschaltet werden?

Auch 23 Jahre nach Kriegsende hält man uns anscheinend noch immer für ein besiegtes Land, das nach Belieben gegängelt werden darf. All unser Eifer, es den ehemaligen Siegern und heutigen Verbündeten recht zu machen, konnte diese Einstellung wenig beeinflussen. Selbst als sich die Bundesbank bereit erklärte, ein Fünftel der Summe von zwei Milliarden Dollar beizusteuern, die für eine neue Aktion zur Stützung der britischen Währung benötigt wurde, wertete eine angesehene englische Zeitung den deutschen Beitrag als „wenig mehr denn eine verspätete Reparationsleistung für den letzten Krieg“. Sie sprach aus, was offenbar in manchen Ländern Maxime des Verhaltens gegenüber der Bundesrepublik ist. Immerhin, in Bonn werden auf diese Weise jene Politiker ernüchtert, die sich über den deutschen Einfluß in der Welt Illusionen machten.

Auf einem anderen internationalen Feld dürften einige Bonner Politiker demnächst jedoch gleichgesinnte Verbündete finden: Frankreichs Agrarpolitiker beginnen einzusehen, daß ihrer Landwirtschaft mit der bislang verfolgten nationalen EWG-Agrarpolitik nicht entscheidend geholfen werden kann. Der neue Pariser Landwirtschaftsminister Robert Boulin dürfte im Herbst in Brüssel für eine Begrenzung der Nahrungsmittelproduktion im Gemeinsamen Markt eintreten. Auch seinem Land wird die Jahr um Jahr steigende Überschußproduktion zu teuer.

Sein Bonner Kollege Hermann Höcherl hat ausrechnen lassen, daß die Bundesrepublik im nächsten Jahr 4,83 Milliarden Mark für die EWG-Agrarpolitik zahlt und aus dem EWG-Agrarfonds 1,84 Milliarden (an Einnahmen, Abschöpfungen, Rückflüssen) bekommt. Uns kostet der EWG-Agrarmarkt mithin runde drei Milliarden Mark im Jahr.

Das ist keine Bagatelle; und es war ausgerechnet die Bundesregierung, die seinerzeit auf Druck der Grünen Front auf den hohen Preisen bestand, die zu halten nun so viele Milliarden kostet Diese unsinnige Agrarpolitik wird uns noch mehr Geld kosten, wenn nicht bald Einhalt geboten wird.

In Bonn und Brüssel stehen dem deutschen Agrarminister harte Jahre bevor. Um für diese neue Phase gerüstet zu sein, hat Höcherl sein Ministerium personell verjüngt und organisatorisch umgebaut. Die 79 Referate – als Höcherl sein Amt antrat, waren es 95 – wurden in sieben Abteilungen zusammengefaßt: Zentralabteilung, landwirtschaftliche Erzeugung, Marktpolitik, Agrarpolitik, Holz- und Forstwirtschaft, Wirtschaftsbeobachtung und Verbraucher-Angelegenheiten, Außenwirtschaft. Für die Agrarpolitik sind natürlich nicht alle Abteilungen, Unterabteilungen und Referate gleich wichtig. Mehr als in anderen Ministerien wurden dreißig- und vierzigjährige Beamte in entscheidende Positionen geholt.