Ich fand viel Tapferkeit im Ausdruck mancher Menschen

Von René Drommert

Unser Redaktionsmitglied René Drommert bereiste seine alte Heimat. Mit diesem vierten Artikel schließen wir die Reihe seiner in zwangloser Folge erschienenen Berichte aus den baltischen Ländern ab.

Eine Hamburger Intourist-Vertretung hatte mir eine Fahrkarte für einen Zug ausgestellt, der Riga am Nachmittag verläßt und um Mitternacht in Tallinn ankommt. Doch in Riga teilte mir das dortige Intourist-Büro mit, ich führe erst gegen Mitternacht ab, und zwar im Schlafwagen, und träfe am nächsten Morgen in der estnischen Hauptstadt ein. Begründung: der Nachmittagszug sei für Intourist-Gäste ungeeignet. Keine Spur einer Frage, ob mir diese Änderung auch recht sei; ich wurde nicht einmal um Bestätigung gebeten: überflüssiger, weltfremder Individualismus.

Es reiste sich dann gar nicht schlecht. Ich schlief in einem Abteil zusammen mit zwei sehr algenehmen Reisegefährten. Der eine war ein alter finnischer Professor der Medizin, der einst in Göttingen studiert hatte, aber jetzt nach jeder deutschen Vokabel mühsam in seinem Gedächtnis kramen mußte, ein paar Jahre in Paris an der Sorbonne gelehrt hatte, aber ebenso umständlich nach einzelnen französischen Vokabeln fahndete. Mein zweiter Schlafgenosse war ein Lette mittleren Alters, Schauspieler und Drehbuchautor. Er hat auch das Buch zu einem Film geschrieben, der die Beteiligung von Letten an der SS während der Hitler-Okkupation zum Thema hat.

In dieser Gesellschaft fühlte ich mich „wie zu Hause“, keine Fremdheit war fühlbar, gar nicht die Aura von Internationalität und Näherkommen-Wollen: Zu überbrücken gab es nichts, man Sprach dieselbe Sprache.

  • Ich hatte einen gebuchten Platz, allerdings nicht in diesem Abteil, sondern nebenan. Dort befand sich außer einem Mann auch noch eine zu diesen Mann nicht gehörende Dame. Als ich der Schlafwagenschaffnerin, einer sehr sympathischen Russin, andeutete, daß einem möglicherweise peinliche Situationen zugemutet würden, wies sie mich charmant mit der Anspielung ab, daß eine korrupte Phantasie dazu gehöre, an solchen Arrangements Anstoß zu nehmen.