Von Josef Müller-Marein

Wer das Jahr 1945 in Berlin erlebt hat, den Untergang der deutschen Hauptstadt und das Dahinvegetieren ihrer Bürger, den schütteln die Erinnerungen mit brutaler Kraft. Ja, es genügt schon, die stets mehr und mehr verfallende, verfaulende Metropole in wiederholten kurzen Heimaturlaubstagen gesehen zu haben, um plötzlich aufgeschreckt zu werden. Der Anlaß zu solchen Erinnerungen, solchem Aufschrecken, ist da: Margret Boveris neues Buch

Margret Boveri: „Tage des Überlebens“; R. Piper & Co Verlag, München; 338 Seiten, 19,80 DM.

Das Buch hat eine Geschichte, und sie ist interessant: Die Autorin, schon damals bekannt als Redaktionsmitglied des alten „Berliner Tageblatts“ und Korrespondentin der „Frankfurter Zeitung“, war von ihrem letzten Auslandsposten Portugal nach Berlin zurückgekehrt, so daß auch auf sie der bittere Scherz zutrifft, mit dem Erich Kästner den zur Unzeit, nämlich mitten im Kriege, heimgekehrten Ernst Rowohlt begrüßt hatte „Die Ratten betreten das sinkende Schiff!“ Nun war es keineswegs schriftstellerischer Impetus, der ihr die Feder in die Hand drückte, und auch von einem Tagebuch kann keine Rede sein. („Ich war seit meiner Kindheit unfähig, Tagebuch zu führen.“) Es handelt sich vielmehr um Postkarten, die Margret Boveri einer in der Schweiz lebenden Freundin schrieb: um viele Karten, numeriert mit dem Zusatz „nach der Bombe“ (die ihr Haus schwer mitgenommen hatte), sodann um Briefe und schließlich, da die Post nicht mehr funktionierte, um einen Rundbrief an verschiedene Freunde, der kein Ende nahm und fortgesetzt werden wollte.

Mehr als zwanzig Jahre später überließ sie das „Material“, soweit es erhalten geblieben war und den Weg zu ihr zurückgefunden hatte, einem jungen Filmregisseur, dem um authentische Bilder aus dem untergehenden und untergegangenen Berlin des Jahres 1945 zu tun war. Offensichtlich gab seine Betroffenheit den Ausschlag: Margret Boveri entschloß sich zur Veröffentlichung.

Doch war da zunächst eine gewisse Besorgnis: Sollte alles stehen bleiben, wie es stand? Ohne Politur? Ohne Besänftigung und Beschönigung? Ja, sie ließ es, wie es war. Gott sei Dank! Was es dabei zu korrigieren, zu erläutern gab, fügte sie hinzu – mehr als zwanzig Jahre später. Hier eine Erweiterung, dort ein politischer Kommentar, gelegentlich ein Widerruf unvorbedachter Äußerungen oder von Fehlurteilen über Zeitgenossen. Dabei stehen im damals hingefeuerten Text Sachen – Saloppheiten, Berlinismen – die sich die bravouröse Schriftstellerin sonst öffentlich niemals durchgehen lassen würde; das bekennt sie selber. Um so besser! Aus dem Gegensatz der damaligen heißen Schilderung und dem kühlen Kommentar von heute ergibt sich eine zusätzliche Spannung, die einen entscheidenden Wert ihres großartigen Buches ausmacht.

Es handelt von ... Nun, wir glaubten, bevor wir es aufschlugen, zu wissen, wovon es handelte: von Bomben, die Berlin schlachteten, jedoch den Zorn sogar jener Berliner nur noch mehr anfachten, die nichts gegen eine Niederlage hatten, weil sie Hitler dabei loswurden ... von Tod, Verletzungen, von Hunger, Vergewaltigungen, von Hoffnungen, Enttäuschungen ... von Unverständnis aller (auch der Sieger), von Wissenwollen ... von der Kunst, dem Glück des Überlebens. Freilich handelt das Buch von alledem. Aber das Wesentliche ist: Wir haben es mit mikroskopischer Sicht zu tun: Margret Boveri schildert (im Briefteil) nichts, was sie nicht selber gesehen, selber erlebt hat. Dies eben liefert die Erklärung dafür, daß man auch sonst nirgendwo findet wie in Briefen jener Zeit. Es scheint nun einmal der Schriftsteller noch nicht am Schreibtisch Platz genommen zu haben, der dies alles mit solcher Glut – und Modernität! – erzählen könnte. Gibt es ihn, so geht die Boveri ihm jedenfalls voraus. Denn wenn ihre Kommentare von nichts anderem als von ihrem wachen politischen Sinn eingegeben sind, so steckt doch etwas wie ein Kunstgriff im Aufbau des Buches: etwas wie ungewollte Kunst.