Von Ernst Stein

Ach! die anderen Dämonen,

Ungemütlich, ungefällig,

Kreischen immerfort dazwischen

Schadenfroh ein hartes Nein.

Goethe, „Pandora“

Das achtzehnte Jahrhundert, die klassische Epoche genannt und den Nachkommen durch Klassikerausgaben und Klassikeraufführungen nach Kräften verleidet, ist mehr als ein gesegnetes Kapitel der deutschen Literatur: es ist die deutsche Literatur. Es hat die Folgezeiten geistig und sprachlich vorgeformt, nicht allein das Epigonentum des neunzehnten Jahrhunderts, versteht sich, sondern nicht minder die Kettenexplosionen des Individualismus bis in unsere Tage.

Vorgeformt – nicht nur durch seine großen Schöpfungen, die der Zeit nicht ganz so gut standhielten, wie die verlegenen Erben wahrhaben möchten; und nicht nur durch die neuen Wege zur Erkenntnis, die es mit einer Beharrlichkeit ohnegleichen verfolgte; sondern manchmal gerade durch steckengebliebene Ansätze, die sich erst in späteren Generationen entfalteten, und durch Randfiguren, die entscheidender an der Entwicklung mitwirkten als die Hauptakteure.

Denn die Großen sind zu groß als Vorbild. Es war naheliegend, wenngleich anmaßend, daß sich die moderne Kritik von Lessing herzuschreiben suchte. Es war verlockend, für die modische Krankheit am Sein die Stimme Hölderlins zu beschwören, aber schließlich einigte man sich doch auf Kafka. Es fehlte auch nicht an einem kurzlebigen Versuch, Novalis als Schwurzeugen im geistigen Klärungsprozeß zu zitieren. Aber das klassische Wort verwächst nicht mit dem Wort von heute, es bleibt Zitat. Schon darum gehört es zu den Unbegreiflichkeiten der Literaturgeschichte, daß es der modernste Geist, der zeitgemäßeste Charakter unter den Klassikern niemals zu einer Klassikerausgabe gebracht hat und daß er hundert Jahre warten mußte, bis er auch nur auszugsweise zugänglich gemacht wurde: Lichtenberg.

Freilich war er sozusagen ein Autor ohne Werk, ohne ein größeres Buch, soviel er auch an Beiträgen für Journale und Almanache geschrieben hat, an Abhandlungen aus seinem Fach, den Naturwissenschaften, und vernichtenden Satiren zu den Kontroversen der Zeit. Aber das unvergängliche Teil seiner Schriften – seine Merkhefte mit Aphorismen, Grübeleien und Beobachtungen; eine Kostbarkeit der deutschen Literatur – war nicht zur Veröffentlichung bestimmt, wiewohl der verstohlene Seitenblick auf die Öffentlichkeit nicht ganz fehlt. Sudelbücher nannte er seine Hefte (nach dem englischen Wort für Kladde), denn alles war ins unreine geschrieben, nichts geschliffen, nichts geglättet.

„Er hatte oft Gedanken, die gar nicht wie Gedanken aussahen“, sagt er von sich. Er führt sie im Entstehen vor, wie eines seiner physikalischen Experimente im Hörsaal; er erteilt Anschauungsunterricht im Nachdenken. Was er schreibt, kommt stets vom Auge her. Nicht allein seine Betrachtungen über den Alltag und die Menschen – keiner hat sie mit solcher Neugier beobachtet –, auch seine Aperçus über Philosophie, Literatur, Religion, selbst seine Meditationen über die letzten Dinge gehen von einem sichtbaren Eindruck aus: Weltanschauung am Fenstersims. „An dem Gesicht, das ich mir vom General Lee gemacht habe, hat das doppelte e mehr Anteil als alle seine schlimmen Taten, die mir zu Ohren gekommen sind.“ Die moderne Psychologie könnte es nicht besser sagen, nur länger.

In diesen Merkheften spricht Lichtenberg zu sich, aber wie einer, der sich belauscht weiß. Er hört sich selber zu, kritischer als jedes fremde Ohr: am eigenen Worte zweifelnd und noch gegen den Zweifel mißtrauisch; voller Schrullen von entwaffnender Anmut; von Träumen und Vorzeichen beunruhigt, worüber er weidlich spottet; eine Beute seiner Gefühle, die er mit größter Gelassenheit wieder zurücknimmt; ein unfehlbarer Diagnostiker seiner unheilbaren Hypochondrie; von widerstreitenden Leidenschaften zerrissen, ohne in Stücke zu gehen; ewig geplagt, aber ohne Bitterkeit, selbst wenn er an den Fluch seines Lebens rührt.

Denn der schärfste, der witzigste Kopf des Jahrhunderts ruhte auf den schiefen Schultern eines buckligen Zwerges.

Eine Figur von Callot in der äußeren Erscheinung; Klein-Zaches als angesehener Professor der Naturlehre in Göttingen; ein berühmter Forscher, in mancherlei glorreiche Fehden verwickelt; ein beliebter Autor des Tages; der gesuchte Präzeptor junger Engländer von Stand, die an der Universität studierten, und zweimal ihr Reisebegleiter nach London, wo er in Adelskreisen verkehrte wie unter seinesgleichen und vom König privat in seiner Wohnung besucht wurde; ein glücklicher Liebhaber und Familienvater, der eine Schar Kinder in die Welt gesetzt hat, von denen sechs ihn überlebten – aber zu keiner Stunde seiner Mannesjahre vergaß er seinen Höcker.

Aus einem Gespräch mit Goethe wird eine ans Perfide streifende Äußerung überliefert, von der man annehmen möchte, daß sie mehr dem hämischen Riemer zuzuschreiben ist: „Lichtenbergs Wohlgefallen an Karikaturen rührt von seiner unglücklichen körperlichen Konstitution mit her, daß es ihn erfreut, etwas unter sich zu erblicken.“ Nach Jahren urteilte Goethe anders über ihn; im Anhängsel der „Wanderjahre“, in „Makariens Archiv“ (Goethes ausgeräumter Schublade) steht der zum Überdruß zitierte Ausspruch: „Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“ Aber schon viele Jahre früher schrieb er ihm mehrmals in Tönen höchster Schätzung, bis er zu seinem Verdruß innewurde, daß es ihm nicht gelang, diese Leuchte der Wissenschaft für seine optischen Theorien, diesen subtilen Geist als Bewunderer seiner Romane zu gewinnen.

Lichtenberg war – und darin liegt seine entwicklungsgeschichtliche Hauptbedeutung – jenseits der dichterischen Sphäre der nachhaltigste Gegendruck zu Goethe, das Antidot für die gipserne Antikenwelt, die Goethe von Winckelmann, dem Canova der Literatur, übernommen hatte, wiewohl doch seinem Habitus edle Einfalt nicht weniger zuwiderlief als stille Größe. Goethe war sich seiner Größe sehr bewußt, und in seiner Unnahbarkeit lag ebensoviel Seelenhoheit wie Scheu vor der Berührung mit dem Peinlichen. Lichtenberg durchschaute – auch darin modern – die Behexung des Lebens durch das schöne Gespinst der Kunst, und er ahnte die unheilvollen Folgen des Abseitsstehens für das öffentliche Wohl.

Goethe hatte Ehrfurcht vor der Größe und beanspruchte sie auch für sich; Lichtenberg wußte, daß er von den Menschen keine Ehrfurcht zu erwarten hatte, und er bezeigte sie nur Gott, mit dem er, der Skeptiker aus Instinkt, treuherzig Zwiesprache hielt, damit er ihn, den großen Sünder, erlöse, nicht von der Sünde, sondern von den Gewissensbissen.

Denn in einem anderen Sinn, als er wissen konnte, hätte Goethe mit seiner fatalen Bemerkung Recht gehabt: Lichtenberg blickte in der Tat tief unter sich, abgrundtief, wenn er seinen Trieben folgte, die – dem Syndrom seines Gebrechens gemäß – jeder Zunder entflammte. Er machte keinen Hehl aus seinen Ausschweifungen, und seine erhitzten Briefe aus London über die Frauenzimmer und eine Prostitution, die selbst für jenes Zeitalter von ausbündiger Verworfenheit war, bestürzen durch einen Geschmack, der sich nur in den Niederungen heimisch fühlte.

Denn damit hat es nicht sein Bewenden. Es gibt da ein skandalöses Idyll mit einer zwölfjährigen Blumenverkäuferin, die der Herr Professor später ganz zu sich ins Haus nahm; fünf Jahre führte ihm das schöne Kind die Wirtschaft – allerdings galt vierzehn als heiratsfähiges Alter – und lebte mit ihm als seine Frau, wie er in einem erschütternden Brief bekennt, als sie mit siebzehn starb. Übrigens wußte es die ganze Stadt, die sich toleranter gezeigt haben muß als etwa Weimar.

Bald danach trat eine Handwerkerstochter vom Land in seinen Dienst, die ihm drei Kinder zur Welt brachte, bevor er, Hofrat geworden, mit ihr – seiner Christiane Vulpius – die Ehe schloß. Er hat sie jahrelang, bis wenige Tage vor seinem Tode, mit der Magd betrogen. Welche Magie des Geistes muß dieser Mann besessen haben, welche moralische Kraft des Gedankens, daß von seinem Werk der makellose Hauch der Lauterkeit ausgeht!

Größe ist nicht der unmittelbare Eindruck, der sich bei der Begegnung mit Lichtenberg einstellt, und fast will sein Manko als grausames Symbol erscheinen. Nein, nicht Größe, sondern Tiefe. „Lichtenberg gräbt tiefer als irgendeiner“, heißt es bei Karl Kraus, „aber er kommt nicht wieder hinauf. Er redet unter der Erde. Nur wer selbst tief gräbt, hört ihn.“ Anders gesagt: Maulwurfsarbeit, um den Dingen auf den Grund zu kommen; sich mit keiner Antwort begnügen und aus immer neuen Fragen die letzte destillieren, hinter der sich das Geheimnis zeigt, der Aussage entzogen. Auch Wittgenstein, der ihm in der Form manches verdankt, hat das getan, aber er hat selbst den Aphorismus noch zerpflückt und ging so der Literatur verloren.

Es hat etwas Beklemmendes und ist fast zuviel des makabren Zufalls, daß die beiden größten Aphoristiker der Deutschen – Nietzsche gehört im Grunde nicht zu ihnen; an jedem seiner Aphorismen ist ein ungeschriebenes Buch hängengeblieben –, daß Lichtenberg und Karl Kraus das gleiche Gebrechen zu tragen hatten. Noch eines ist ihnen gemeinsam: Beide hinterließen ein umfangreiches Werk, aber kein Buch, auf Breite angelegt, gewachsen Schicht um Schicht; ihre geistige Konzentration war ein Ausschaltungsprozeß, der schließlich das Buch selbst eliminierte.

Ob Lichtenberg ein anderer Autor geworden wäre ohne Buckel? Ja. Es gibt eine Empfindlichkeit der Reaktion, eine Hellsichtigkeit für Symptome, eine Sezierkunst des Denkens, die nur am Schleifstein des Siechtums, des Duldens, der Heimsuchung geschärft werden. Nur das Leiden drückt den Sporn so tief in die Flanken des Schöpfertums. War Lichtenberg ein Genie? Ja. Aber selbst im Empyräum der Genialität, unter den großen Ausnahmen, war er ein Einzelfall. Wäre er ein Dichter gewesen, er hätte die beiden Meisterwerke schreiben können, die eine Generation später zwei seiner Darmstädter Landsleute geschrieben haben: den „Woyzeck“ und den „Datterich“. Vielleicht war er zum Dichten nicht zu prosaisch, sondern zu schlau. Er war ein Genie der Durchtriebenheit. Und, neben Lessing, der sympathischste Mensch unter den Klassikern.

Das neunzehnte Jahrhundert, an dessen Schwelle er starb, überging ihn, obwohl oft genug, von Hebel bis Tolstoj, von Schopenhauer bis Nietzsche, auf seine Bedeutung hingewiesen wurde. Eine vierzehnbändige Ausgabe seiner Werke wurde von seinen Söhnen besorgt (1844 ff.), unkundigen Händen zwar, aber selbst die philologische Zunft hatte damals noch recht dürftige Begriffe von editorischen Obliegenheiten. Nebenbei vermerkt, ist diese Ausgabe die einzige Quelle für gewisse Partien der Merkbücher, denn nicht ganz drei Hefte sind verloren; vermutlich wurden sie exzerpiert und dann vernichtet, vielleicht aus Familienrücksichten.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts erschienen seine Briefe in drei stattlichen Bänden (1901 bis 1904), von prominenten Literaturhistorikern herausgegeben, denen mancher Schnitzer unterlief. Schon vorher (1898) veröffentlichte der Bibliophile Eduard Grisebach, ein zu wenig bedankter Bahnbrecher für Lichtenbergs Nachruhm, das aufschlußreichste Lebensdokument, die Briefe an seinen Verleger und Hauswirt Dieterich, in dessen Haus er sein halbes Leben lang gewohnt hat. Immerhin erstaunlich, dieses Interesse an den Briefen eines Autors, dessen Werk so schnöde vernachlässigt wurde.

Seine Aphorismen wurden in eine Sammlung germanistischer Neudrucke aufgenommen, und auf diesen raren fünf Nummern der „Deutschen Literaturdenkmale“ (1902 bis 1908) fußen die spärlichen Auswahlbände der Folgezeit, in der sich Lichtenbergs Ruhm, aber nicht sein Werk verbreitete. Erst 1949 kam die umfangreichere Ausgabe von Wilhelm Grenzmann heraus (2 Bände, 1 Bildband, bei Holle in Baden-Baden), die neben anderen Schriften etwa vier Zehntel der „Bemerkungen“ und rund ein Viertel der Briefe enthielt; die Auslese war nicht unanfechtbar, weil sie weder dem religiösen Skeptiker noch dem Humoristen Lichtenberg gerecht wurde; sie hatte überhaupt etwas Leichenbitterhaftes. Wie dem auch sei, sie ist vergriffen, und es dürfte noch zwei Jahre dauern, bis die vierbändige Ausgabe des Hanser-Verlages, München, vollständig vorliegt; nach dem bereits erschienenen Schlußband mit den Briefen zu urteilen, wird sie wohl auf geraume Zeit die endgültige Ausgabe bleiben.

Bis dahin bleibt es bei dem unrühmlicher. Zustand, daß Episodisten der Literatur mit sämtlichen Werken und Lesarten nach vorn gespielt werden, während einer ihrer Protagonisten in die Kulissen der Taschenausgaben gedrängt wird: Im Augenblick gibt es von Lichtenberg vier – lies: vier – durchweg schmächtige Auswahlbände. Wie? Aphorismen verkaufen sich nicht gut? Auch sensationelle Enthüllungen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, finden nicht immer reißenden Absatz. Und er hat anderes genug geschrieben. Zugegeben, ein gut Teil seiner Satiren ist an verschollene Anlässe geknüpft, aber das gilt für alle Polemik von Lessing bis Kraus. Nicht auf die falsch übersetzte Stelle im Horaz oder die Zeitungsnotiz aus der Wiener Gesellschaft kommt es an, sondern auf die Kunst des Angriffs und das Bild der Zeit, die getroffen wird.

Die früheste der lieferbaren Auswahlen (Kröners Taschenausgabe, 1939, herausgegeben von Paul Requadt, ist gleichfalls vergriffen) ist das vor zehn Jahren erschienene schmucke Bandchen der Manesse-Bücherei, Herausgeber Max Rychner. Sie beschränkt sich ganz auf die Aphorismen (manche eine Zeile, manche zwei Seiten lang), von denen sie mehr bringt als jede der anderen drei, rund tausendsechshundert, etwa drei Viertel des Bestandes. Das empfiehlt sie vor den übrigen Ausgaben, sofern man nichts gegen Kleinformat hat und nicht auf Proben anderer Schriften besteht.

Max Rychners Einleitung, die mehr den Denker am Werk skizziert als den Menschen, ist von gewohnter essayistischer Sicherheit, hinterläßt aber doch den Eindruck, daß etwas fehlt. Vielleicht sah er seinen Autor zu harmonisch, zu bürgerlich im Lebenswandel, als einen Erasmus, dessen Anfechtungen aus den klaren Regionen des Verstandes herandrängen und nicht aus dem Abgrund; das Dämonische ist ihm genommen.

Sollen die Aphorismen nach Themen gruppiert werden – wie die meisten alten und neuen Ausgaben es tun – oder bleiben sie besser in dem beglückenden Durcheinander, in dem sie ihrem Autor erst in den Kopf, dann ins Heft kamen? Der zweite Weg wird wohl der richtige sein: Man kommt aus den Überraschungen nicht heraus, wenn seine Einfälle von einer Taschenuhr zu Jakob Boehme springen, vom Postwagen zur Wahrheit in der Natur.

Das andere Editionsproblem, die Rechtschreibung, zwischen Originaltreue, „behutsamer Angleichung“ und Modernisierung pendelnd, wird immer nur subjektiv, immer nur im Einzelfall zu entscheiden sein, und auch da nie völlig überzeugend. Aber es ist würcklich nichts damit gewonnen, Würckung zu schreiben, wenn sie auf den arglosen Leser ausgeübt werden soll und nicht auf den Fachmann. Hätte Faust Philosophey und Juristerey studiert, sein Monolog wäre noch schwerer in die Köpfe, namentlich die jugendlichen, der Nachkommen eingegangen. Vielleicht sollte man mit der alten Rechtschreibung nach der Barockliteratur aufhören?

Schon 1907 veröffentlichte der Verlag Eugen Diederichs, damals in Jena, als erster, eine zweibändige Auswahl der Schriften und Briefe, Herausgeber Wilhelm Herzog, mit der seine heutige (im Augenblick vergriffene) Taschenausgabe begreiflicherweise keinen Vergleich verträgt. Sie bringt nur 450 Aphorismen – das Reclambändchen hat 500 –, aber sie sind mit anerkennenswertem Blick für wirksame Pointen ausgewählt.

Der beste Kauf dürfte der gefällig ausgestattete Band der Campe-Klassiker sein, er ist ungewöhnlich billig. Er enthält etwa 1200 Aphorismen in sechzehn Gruppen (der Abschnitt „Über die Frauen“ ist schmal, läßt aber um so tiefer blicken), ferner die „Physiognomik“ und die Polemik gegen Lavaters versuchte Judenbekehrungen „Timorus“ (eine unserer großen Satiren), sowie anderthalb Dutzend kleinerer Aufsätze, an denen sich, wie vielleicht nur noch bei Kierkegaard, das Paradox studieren läßt, daß ein Autor schlecht schreiben kann und doch ein Meister der Sprache, ein Magier des Stils bleibt.

Auf Briefe verzichtet die Auswahl, bringt aber die berühmten „Briefe aus England“, die keine sind, sondern zur sofortigen Veröffentlichung bestimmte Reiseberichte über englische Zustände, vor allem das Londoner Theater. Nie zuvor und wohl kaum jemals wieder hat es so minuziöse Schauspieleranalysen gegeben, die dem Forscherblick für das Detail ebensoviel verdanken wie der Besessenheit des Theaternärren. Sie macht keinen ganz geheuren Eindruck, diese Leidenschaftlichkeit, aber Lichtenberg suchte im Theater nicht seine Miseren zu vergessen, vielmehr bot es ihm die ideale Gelegenheit für seine liebste Beschäftigung: Menschen zu beobachten, Darsteller, die selber gute Menschenbeobachter waren.

Im Nachwort plaudert Carl Brinitzer – Verfasser einer anheimelnden Biographie, in der Lichtenberg fast zur Biedermeierfigur wird – über den Lebenslauf des „gescheiten Mannes“, ohne sich auf Interpretationen einzulassen, aber vielleicht bedürfen seine Werke wirklich keiner Deutung, wenn man den Mann und sein Schicksal kennt.

In der Reihenfolge und der Schreibung des Originals bringt der Heidelberger Verleger Lothar Stiehm 1400 Aphorismen unter dem Titel „Gedankenbücher“, eine Erweiterung des vor fünf Jahren erschienenen Fischer-Taschenbuchs („Exempla Classica“), beide herausgegeben von Franz H. Mautner, der soeben ein imposantes Buch über Lichtenberg veröffentlicht hat. Sein Nachwort ist knapp, aber von großer Präzision, und er hebt besonders hervor, daß es Lichtenberg weniger auf die Inhalte als die Methode des Denkens ankam und daß seine „Einsicht in den sprachbedingten Charakter unserer Erkenntnis“ manches von den Grundsätzen der modernen linguistischen Philosophie vorweggenommen hat.

Und das ist, von Kleinigkeiten abgesehen, die ganze Ausbeute auf dem heutigen Buchmarkt. Was Wunder, wenn man erbaut zum ersten (dem vierten) Band der für 1969 versprochenen Hanser-Ausgabe greift: weil die schandbare Vernachlässigung Lichtenbergs nun ein Ende hat, und weil die Edition eine Freude für den Bücherfreund und eine leicht zugängliche verläßliche Quelle für das Studium ist. Daß sie mit den Briefen – rund 800 – beginnt, verschlägt nichts, denn Lichtenbergs Briefe gehören zu seinem Werk; ja gerade in ihnen zeigt sich vielleicht am augenfälligsten der Unterhaltungsschriftsteller, der er auch war und der dem mäßig besoldeten Professor die Miete bei Diederich verdienen mußte. Mit allen Mitteln, den skurrilsten Einfällen, ausgesponnenen Schnurren, Witzen (nicht immer guten), Zweideutigkeiten (nicht immer flätigen) und Lebensweisheiten (immer großartigen), legt er es darauf an, sein Publikum zu amüsieren, und wäre es auch nur ein vereinzelter Briefempfänger. Diese Briefe sind mehr als ironische Selbstbespiegelung: Sie sind die Sittenkupfer eines Zeitalters, vergleichbar den Stichen von Hogarth, die er mit fast übertriebener Gründlichkeit in seinem einzigen größeren Werk erläutert hat.

Die Ausgabe ist mustergültig, der Apparat gewaltig: zu 1000 Seiten Brieftext 200 Seiten Anmerkungen und ein Personenverzeichnis von 80 Seiten mit biographischen Daten. Wolfgang Promies, der Herausgeber, ist auch der Verfasser einer vortrefflichen kleinen Einführung (in Rowohlts Monographien), in der Lichtenbergs Welt sehr lebendig nachgestaltet wird. Freilich, billig ist die neue Ausgabe nicht – aber war das zu erwarten? „Wer ein paar Hosen hat“, heißt es einmal in einem Merkbuch, „mache eines zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.“ Beim gegenwärtigen Marktwert alter Hosen wird es sich allerdings empfehlen, dafür lieber von der Anschaffung des neuesten Frissons abzusehen, die ohnedies kein Wiederlesen vertragen, während Lichtenbergs Werk auch bei der zweiten und dritten Lektüre nichts an Würze einbüßt.

Um die Sekundärliteratur über Lichtenberg war es immer schon besser bestellt als um die Ausgaben. Die große Studie von Paul Requadt (1948), die hauptsächlich dem literaturgeschichtlichen Aspekt gewidmet ist, behauptet ihren Platz als eine der grundlegenden Darstellungen, namentlich durch die Exkurse über den Aphorismus, die das halbe Buch einnehmen. Nun hat Professor Franz H. Mautner, der bereits eine Reihe von Arbeiten über Lichtenberg – und Karl Kraus – veröffentlicht hat, seine 500 Seiten starke Monographie vorgelegt, die für lange Zeit maßgebend bleiben wird, vor allem aus zwei Gründen: Sie entwickelt die Geschichte seines Lebens und seiner denkerischen Leistung parallel, erklärt eins aus dem andern, Biographie und Analyse zugleich, die ganze Problematik des Stoffes bewältigend, ohne selber fragwürdige Positionen zu beziehen. Und bei aller Fülle der Dokumentation ist sie ein populäres Buch, das beim Lesen nicht viel mehr voraussetzt als das Interesse an dem Menschen und dem Werk.

Der Weg Lichtenbergs zum ungeschmälerten Nachruhm ist freigeworden, und auch der Weg zu Lichtenberg. Und fragt man, worin sein Anspruch auf Größe liegt, dann vielleicht in der Verbindung von Mut, Humor und Genauigkeit. Er ist einer von den Großen, aber er ist nicht zu groß als Vorbild. Er hat das richtige Format.

Im Buchhandel erhältliche Ausgaben:

„Werke in vier Bänden“, herausgegeben von Wolfgang Promies, Band IV: Briefe; Carl Hanser Verlag, München; 1344 S., Subskriptionspreis 56,– DM, sonst 60,– DM

„Werke in einem Band“, herausgegeben von Peter Plett, mit einem Nachwort von Carl Brinitzer: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 536 S., 14,80 DM

„Gedankenbücher“, herausgegeben von Franz H. Mautner, erweiterte Ausgabe; Lothar Stiehm Verlag, Heidelberg; 275 S., 16,80 DM

„Aphorismen“, herausgegeben von Max Rychner; Manesse Verlag, Zürich; 543 S., 11,10 DM

„Aphorismen, Briefe, Satiren“, herausgegeben von Herbert Nette; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 321 S., 14,80 DM (z. Z. vergriffen)

„Aphorismen“, ausgewählt und eingeleitet von Friedrich Sengle; Reclams Universalbibliothek 7812/13, Verlag Philipp Reclam Jun., Stuttgart; 1,80 DM

Zur Einführung:

„Georg Christoph Lichtenberg 1773 in Stade, Hamburg und Helgoland“, eine Studie von Jochen Plath, mit Briefen; Friedrich Schaumburg Verlag, Stade; 64 S., Abb., 5,80 DM

Paul Requadt: „Lichtenberg“, zweite, erweiterte Auflage; Sprache und Literatur 13, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 200 S., 8,80 DM

„Lichtenberg in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, dargestellt von Wolfgang Promies; Rowohlt Monographien 90, Rowohlt Verlag, Reinbek; 179 S., 2,80 DM

Carl Brinitzer: „Lichtenberg“ – Die Geschichte eines gescheiten Mannes; Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen; 332 S., 16,80 DM

Franz H. Mautner: „Lichtenberg“ – Geschichte seines Geistes; Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin; 504 S., Abb., 76,– DM