Im Kreis Waldshut gibt es Orchideen. Mit dieser ebenso erstaunlichen wie dekorativen Offerte hatte der kleine Landkreis im Südschwarzwald zum vierten Male zu einem zehntägigen Studienkursus des Deutsch-Französischen Jugendwerks „Wir entdecken Deutschland“ eingeladen. 23 deutsche Jugendliche (vornehmlich aus dem Ruhrgebiet und aus Norddeutschland) und 20 Franzosen (aus verschiedenen Departements) waren offenbar mit den Veranstaltern der Meinung, die Orchideen seien ein schlüssiger Hinweis, „daß diese Gegend am Hochrhein und an der Schweizer Grenze mehr zu bieten hat, als man sich gewöhnlich vorstellt“.

Deshalb hatten sie sich nicht für Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Würzburg, Bamberg, Münster, das Taubertal, die Weinstraße, die Lüneburger Heide oder die Bayerischen Alpen entschieden, die neben anderen Zielorten zu den 62 Kursen des Jahres 1968 gehörten. Nach fünf Jahren kann das Deutsch-Französische Jugendwerk eine stolze Bilanz vorweisen. Gesamtzahl der Deutschlandkurse seit 1964: 191 mit rund 7600 Teilnehmern, je zur Hälfte Deutsche und Franzosen im Alter von 18 bis 25 Jahren.

Das Erstgeburtsrecht dieser Studienferien gebührt den Franzosen. Ihr Ministerium für Jugend und Sport lädt seit 1960 junge Leute aus aller Welt nach Frankreich ein unter dem Motto „Connaissance de la France“.

Eine genaue Definition, was man unter diesen „Entdeckerkursen“ nun wirklich zu verstehen habe, fällt selbst den Veranstaltern schwer. Reine Ferienfreuden bieten sie zweifellos nicht, dazu wird von jedem Teilnehmer zu viel verlangt. Ein Studienseminar sollen sie aber auch nicht sein, schließlich opfern viele der jungen Teilnehmer dafür ihren Urlaub. Das Deutsch-Französische Jugendwerk formuliert „das Besondere dieser Kurse“ so: „Die Begegnung junger Deutscher und Franzosen in einer anregenden Mischung aus Bildungsarbeit und Geselligkeit, Forschertätigkeit und Besichtigung, Konzentration und Entspannung.“

Für das Städtchen Waldshut (11 000 Einwohner) und seinen Landkreis hat die deutsch-französische Freundschaft schon Tradition. Mit Blois ist man durch eine Städte-Partnerschaft verbunden. Warum – so meinte der Landrat – sollte sich Waldshut nicht auch am Deutschland-Programm des Deutsch-Französischen Jugendwerks beteiligen? In der Rhöndorfer Zentrale des Jugendwerks war man für jeden neuen „Träger“ eines Studienkurses dankbar, denn das Interesse an den Seminaren war und ist in Deutschland wie in Frankreich unerwartet groß. Die Zusammensetzung der Waldshuter Gruppe (27 Studenten und Schüler, 14 Angestellte, ein Beamtenanwärter und ein Handwerker) ist typisch für diese Veranstaltungen. Es sind zweifellos besonders aktive und engagierte oder bildungsbeflissene junge Leute, die hierher kommen. Sie unterscheiden sich deutlich von den Durchschnittsteilnehmern der Reisegruppen der Jugendreisebüros, die – will man es auf einen Nenner bringen – in erster Linie Sonne, Wasser, Tanz und Amüsement suchen. Dafür bezahlen jene freilich auch ihren Urlaub aus der eigenen Tasche. Das Deutsch-Französische Jugendwerk dagegen erstattet bis auf eine Eigenbeteiligung von 100 Mark pro Teilnehmer alle Kosten (rund 10 000 Mark je Kursus). Die Organisation darf deshalb mit gutem Recht an die Beteiligten auch Anforderungen stellen.

Auf zehn Schreibmaschinenseiten hatte der Waldshuter Kreisjugendpfleger das Programm für den Studienaufenthalt „Südschwarzwald und Hochrhein“ zusammengestellt. Gemeinsame Fahrten und Zusammenkünfte, darunter ein Besuch des Züricher Flughafens Kloten, Besichtigung des Rheinfalles bei Schaffhausen, Dampferfahrt auf dem Zürichsee, Empfang durch den Landrat, sollten dem gegenseitigen Kennenlernen von Deutschen und Franzosen dienen. Die eigentliche „Forschertätigkeit“ gliederte sich in vier Gruppen zu je zehn Teilnehmern. Gruppe I „Wirtschaft und Industrie“ (Besichtigung von Kraftwerken, einer Spinnerei und einer Molkerei); Gruppe II „Kunst, Kultur, Schulen“ (Besuch bei einem Maler, Besichtigung des St. Blasier Domes, Teilnahme am Unterricht des Gymnasiums); Gruppe III „Soziale Einrichtungen – Kommunale Verwaltung“ (Besichtigung eines Sanatoriums und eines Altersheimes, Probleme der Grenze und soziale Struktur des Landkreises) und Gruppe IV „Naturerforschung und Erwandern des Hochrheingebietes“ (geologische Aspekte der Wutachtalschlucht, der Feldberg, Orchideen im Kreis Waldshut).

Ein achtbares Programm – teilweise freilich nur auf dem Papier. Die ersten Forschungsexkursionen und gemeinsamen Veranstaltungen deckten sogleich zwei Mängel auf: zuwenig gute Referenten. Ohne eine Mindestsubstanz an Kultur, Wirtschaft, Kunst oder sozialen Einrichtungen kümmert ein solcher Studienkursus dahin. Ein paar Beispiele: Mag sein, daß die Stadtbesichtigung von Waldshut durch den Verkehrsdirektor unter allzu großer Hitze litt; aber niemand wird im Ernst behaupten wollen, daß es dabei für einen jungen Franzosen aus Bordeaux auch nur ein einziges sehenswertes Objekt gab. (Im Gegensatz etwa zu Würzburg, Bamberg oder Essen.) Der Besuch der Burgruine Küssaburg, gedacht als eine Einführung in die Geschichte der Landschaft am Hochrhein, hatte zwar dank der Mitwirkung eines bemühten Heimatschriftstellers ungewollte humoristische Züge, das Aufzählen von Daten und kriegerischen Grausamkeiten ließ aber alle wesentlichen Fragen offen.