Der Stuttgarter Club Voltaire veranstaltete einen Test. Eine Woche lang stellte er in seinem Schaufenster Nazi-Embleme und braune Literatur aus. Es geschah nichts.

Dann wechselten die Voltairianer ihre Schaufensterdekoration. Wo sieben Tage lang unbehelligt tausendjährige Symbole geprangt hatten, hingen jetzt drei Plakate mit Beardsley-Zeichnungen zur „Lysistrata“. Aber nicht lange. Nach kurzer Zeit beschlagnahmte die Stuttgarter Polizei die drei Plakate.

So weit, so schlecht. Grimmig ließe sich der altbewährte Schluß ziehen, die politische Pornographie könne hierzulande leicht damit rechnen, daß man zumindest beide Augen zudrückt, während Beardsleys jugendstilig-orientalische Genitalien sofort den Mechanismus von sittlicher Entrüstung und Büttelmaßnahmen in Gang setzen. Eine Ideologie also, die zum Völkermord, zur Herrenmoral und zum Weltkrieg führte, erscheint nicht schweinisch, die Darstellung des nackten, gar im Vollbesitz seiner natürlichen Werkzeuge befindlichen Menschen dagegen sehr.

Aber hat der Club Voltaire wirklich einen Test veranstaltet, der irgend etwas beweist – außer dem, was ohnehin keines Beweises mehr bedarf? Und ist der Schluß, der da auf dem Testwege gezogen wurde, nicht nur ein Kurzschluß?

Läßt man einen Augenblick das Schema beiseite, nach dem der Faschismus, seine Taten und Zeugnisse nur an die von Mitscherlich konstatierte „Unfähigkeit, zu trauern“ rühren, während die Darstellung der menschlichen Natur rasch die Fähigkeit, sich zu entrüsten und einzuschreiten, in Gang setzt – dann ließe sich doch folgendes, in dubio pro reo, vorstellen:

Die Stuttgarter Polizei weiß, daß der Club Voltaire nichts weniger als eine kryptofaschistische Organisation ist und daher sein Schaufenster weder für die NPD noch für die Verherrlichung des großdeutschen Ahnenkults der Neonazis zur Verfügung stellt. Also konnte sie, darf man annehmen, eine dokumentarische Absicht der Abschreckung hinter den ausgestellten braunen Bildern und Büchern vermuten.

Auch sind Leitartikel, Buchtitel und Photos nicht ganz so augenfällig wie Beardsleys große Darstellungen der genitalen Equipage.