Ärzte und Bürokraten der Justiz rollen die Affäre „mal anders“ auf

Von Hans Wüllenweber

Düsseldorf Köln

Die schmächtigen Schultern des 35jährigen Kölner Gerichtsdauerkunden Josef H. (genannt Jupp) sollen das monumentale General-Alibi tragen, mit dem die Justiz Nordrhein-Westfalens und zwei von Zwielicht umgebene Gefängnisärzte die Klingelpütz-Affäre bereinigen möchten. Jupp H., der zur Zeit im gemütlichen Mini-Knast zu Düren brummt, Belastungszeuge im zwei Jahre alten Grusel-Prozeß gegen die Klingelpütz-Subalternen Naudet und Halfen, entwickelte – im Griff der von ihm bloßgestellten Vollzugsgewalt – beflissene Eilfertigkeit im Umfallen. Der entnervte, Tbc-kranke Einbrecher und Versicherungsbetrüger Jupp H., der heute Hott und morgen Hü sagt, ist auserkoren, die schwer beschuldigten Ex-Medizinalräte Dr. Rolf Wachsmuth, 48 Jahre alt, und Dr. Walter Schramm, 47 Jahre alt, vor dem Kadi zu retten.

Jupp H., schon früher wegen seiner belastenden Aussagen gegen Vollzugsbeamte im Aachener Gefängnis mit Einzelhaft und Arbeitsverbot belegt, bekam den großen Bammel, als ihm die Ladung zum Antritt von „458 Tagen Restgefängnis“ ins Haus flatterte. Vollstreckungsanstalt: Aachen.

Den geängstigten H. bekniete der rechtskräftig verurteilte Klingelpütz-Hauptwachtmeister Heinrich Halfen bei Hausbesuchen so lange, bis Jupp mit in die Kanzlei des Halfen-Anwalts fuhr. Dort unterzeichnete er einen Widerruf seiner Aussagen. Jupp H.: „Der Rechtsanwalt versprach mir, er wolle sich in Aachen für mich einsetzen.“ Außerdem will Jupp nach dem Widerruf von Halfen mit 100 Mark belohnt worden sein. Bevor Jupp H. und Beamter Halfen hinter schwedische Gardinen wanderten, der Ganove zunächst nach Aachen, dann nach Düren, sein ehemaliger Bewacher in ein Kleinstadt-Gefängnis an der Mosel, unterzeichnete der 16mal vorbestrafte Jupp auch im Büro des Naudet-Anwalts einen Widerruf.

Allerdings eilte H. darauf noch schnell zum Kölner „Express“, wo er seinen Widerruf widerrief und alles mit seiner Angst vor den Strafvollstreckern und möglichen Repressalien begründete. Inzwischen ist Jupp wieder zur „anderen Wahrheit“ zurückgekehrt. Aus Düren vorgeführt, beteuerte er vor einem Wiederaufnahme-Richter der 5. Kölner Strafkammer, er habe sehr wohl im großen Prozeß Unwahrheiten gesagt. Die Kammer hat darüber zu befinden, ob ein neuer Halfen-Naudet-Prozeß zulässig ist. Die Umfall-Akrobatik des Jupp H. vermochte Halfen zwar nicht vor dem Strafantritt zu bewahren, denn er hatte seine 12 Monate durch Teilgeständnisse, aber auch durch Aussagen vieler Zeugen eingehandelt, doch Hubert Naudet, Oberverwalter und ehedem Sanitätsdienstleiter im Klingelpütz-Lazarett, blieb bis jetzt trotz rechtskräftiger Verurteilung auf freiem Fuß. Der Sektenanhänger Naudet leugnet jede Schuld. Sein Anwalt baut im Wiederaufnahmeverfahren ein angebliches Komplott rachsüchtiger Krimineller auf, um nächst Jupp H. auch alle anderen als Zeugen gehörten Gefangenen unglaubhaft zu machen.