Zur Olympiade in Mexiko ist man sehr rührig auch auf dem Gebiet der künstlerischen Gestaltung. Man hört von einem Ballett-Wettbewerb aller beteiligten Völker. Vor allem aber ist es die bildende Kunst, die mit neuartigen Projekten hervortritt. Man hat den elf Meilen langen kurvigen Anmarschweg zu einer „Straße der Freundschaft“, einer Art via triumphalis, gestaltet: Achtzehn Bildhauer verschiedener Nationen haben monumentale „Zeichen“ errichtet, vierzig bis sechzig Fuß hoch, die auf der Anfahrt die Teilnehmer begrüßen sollen. Es ist die Absicht, wie es im vorläufigen Prospekt heißt, „zeitgenössische Kunst und das Publikum durch eine Gemeinschaftsplanung zusammenzubringen“, und die Kunstwerke sollen hinausgeführt werden aus ihrer „esoterischen Umwelt in Galerien und Museen“.

Wer die künstlerischen Bestrebungen Mexikos in den letzten Jahren ein wenig verfolgt hat, wird leicht erraten, wer der Initiator dieser Idee gewesen ist: der in Deutschland geborene Mathias Goeritz, dessen riesenhohe Türme am Eingang zu einer Satellitenstadt in der ganzen Welt Aufsehen erregt haben. Die neue Leistung der Großplastik hat sich offenbar jene Türme zur Anregung dienen lassen. Allerdings handelt es sich hier nicht um Gebilde von Baumeistern, sondern von Bildhauern, obwohl vielfach auch eine architektonische Wirkung angestrebt ist. Ein solches abstraktes Bildwerk von Alexander Calder, der als Ehrengast zum International Meeting of Sculptors nach Mexiko gebeten ist, führt den Reigen an. Die übrigen Teilnehmer sind bei uns in Deutschland kaum bekannt, wie ja auch Goeritz selber nicht (der sich aus rühmlicher Bescheidenheit auf die Überwachung des Ganzen beschränkt und kein eigenes Werk beigesteuert hat): Auf keiner unserer großen deutschen Ausstellungen internationalen Charakters war er mit seinen Werken vertreten, eine bedauerliche Unterlassung, zumal er einer der wenigen deutschen Künstler ist, die die Welt kennt.

Die Arbeiten der großen Feststraße haben deutlich avantgardistischen Charakter, sind jedoch vielfach eindrucksvoller als das, was gegenwärtig auf der Kasseler documenta gezeigt wird. Unverkennbar ist bei allen ein gewisser Einfluß archaischer Kunst – sehr passend in diesem Land, das so reich ist an grandiosen Resten der Vorzeit. Pierre Szekely, 1922 in Ungarn geboren und jetzt in Frankreich lebend, hat die Form eines mächtigen Eingangstores gewählt. Der Belgier Jacques Moeschal, 1913 geboren, bereits in den Niederlanden, Österreich, Kanada, Ägypten und Italien durch große Gedenkmonumente bekannt geworden, hat ein ringförmiges Gebilde beigesteuert. Der Marokkaner Mohamed Michi (geboren 1936) ist einer der jüngsten Teilnehmer und hat ein höchst eindrucksvolles „Zeichen“ geliefert, das zwischen Plastik und dekorativen architektonischen Elementen die Mitte hält. Der beste Beitrag mexikanischer Kunst scheint mir die Doppel-Figuration von Angela Gurria (geboren 1929) zu sein, die in ihrer schlichten und starken Silhouettenwirkung von weither zu erkennen sein wird, wie die Aufgabe es fordert.

Was alle diese Werke, die durchweg in Beton ausgeführt worden sind und farbig bemalt werden sollen, miteinander verbindet, ist ihr Bestreben, sich der umgebenden Landschaft einzupassen. Natürlich sind sie unterschiedlich in der Qualität, doch daß in verhältnismäßig kurzer Frist durch die zeitgemäß gestellte Aufgabe auch so Vortreffliches entstanden ist, beweist, wie sehr der Auftraggeber hier ins Zentrum der Begabung jüngerer Künstler getroffen hat. Man kann nur wünschen, daß ähnlich wirksame Zeitdokumente auch in anderen Ländern von den besten Bildhauern ausgeführt werden möchten, die zu monumentalen Leistungen ebenso drängen wie die Maler zu großen dekorativen Wandbildern.

Solche Fragen werden sicherlich auch diskutiert werden bei dem großen internationalen Bildhauertreffen, das zur Zeit der Olympiade in Mexico City tagen wird.