FÜR alle die zum Trost, die sich bei der Pflichtlektüre des Börsenblattes für den deutschen Buchhandel nicht vorstellen mögen, daß auch so etwas einmal zum historischen Dokument werden kann –

„Aus alten Börsenblättern“ – Ein Anzeigen-Querschnitt durch das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, herausgegeben von Klaus G. Saur, eingeleitet von Ehrhardt Heinold; Verlag Dokumentation, München; 303 S., 19,80 DM.

ES ENTHÄLT quer durch mehr als hundert Jahre deutschen Buchhandel: Annoncen für die Neugier ungemein reizende Titel wie „Die Abenteuer in der Weihnachtskrippe“ (1842) oder den höchsteigenhändig geschriebenen Beitrag aus der Feder Ihrer Majestät der Königin Olga von Württemberg in den „Blättern für die echte und wahre Emanzipation des Weibes“ (1885); so lebensnahe Aufforderungen wie „Schützen Sie sich vor den Buchgemeinschaften“ (1925) oder „Mutter, erzähl von Adolf Hitler“ (1940). Mit Vergnügen entdeckt der Leser, daß das Paar Adenauer–Kokoschka in einer ehrwürdigen Tradition steht: 1927 malte der achtzigjährige Max Liebermann den achtzigjährigen Reichspräsidenten Hindenburg. Der Hurrapatriotismus des Kaiserreichs vereinigt sich mit deutscher Innerlichkeit und empfiehlt „Kaiser Wilhelm als Christ“ zum Massenabsatz beim Sedanfest. Die freiwillige Begeisterung des Ersten Weltkriegs und die verordnete des Dritten Reiches haben das gleiche Vokabular: 1914 setzt der Verlag des Kladderadatsch seine Hoffnungen auf den Sieg der deutschen Waffen und nimmt den Kampf auf gegen „Lügenbrut, Niedertracht und Heuchelei“ ; 1933 ruft der Zentralverlag der NSDAP zur Ausschaltung „des Judentums und des volkszersetzenden Marxismus“ aus dem Buchhandel auf, um zu verhindern, daß „jüdische Firmen versuchen, aus dem Verkauf von nationalsozialistischem Geistesgut finanzielle Vorteile zu schlagen“.

ES GEFÄLLT also, denn sogar Annoncen, und gerade die für literarische Bedeutungslosigkeiten, verlieren, aus gehöriger Distanz betrachtet, ihren ursprünglichen Sinn, nämlich den, für Novitäten zu werben. Für den einen werden sie zur direkten Information über Geschichte und für den anderen Anlaß sich zu erinnern: an die Aktion jener Schriftsteller zum Beispiel, die für Else Lasker-Schüler sammelten; an den Exodus deutscher Intellektueller; an manchen rühmlichen Versuch der Autoren und Verlage und Buchhändler, die Geschichte zu verändern, und an viele sehr unrühmliche, im Strom der Ereignisse mitzuschwimmen und dabei ihr Geschäft zu machen. Daß dieser Querschnitt auch eine kurzgefaßte Geschichte des Verlagswesens und des Buchhandels ist, daß man die Geschichte des Börsenblattes in „acht Phasen“ einteilen kann, wie es die Einleitung tut, daß der Band Auskunft gibt über geschäftliche Praktiken, über Kauf, Verkauf, Namensänderungen, daß er unter anderem auch dokumentiert, wie beharrlich der Buchhandel in hundert Jahren seine Struktur nicht verändert hat – das alles fällt nebenbei auch noch ab.

Hilke Schlaeger