Seereisen haben zwei Fehler. Sie sind langweilig und zu teuer. Ihr traditionelles Image, gepflegtes Nichtstun in luxuriöser Atmosphäre, ist nur für einen kleinen Kreis verlockend. Die Reiseveranstalter und die Reeder aber wollen von der Sehnsucht der Landratten nach schwankenden Planken mehr profitieren, Schiff, Seeluft und Meer, darin sehen sie ein beträchtliches touristisches Potential – man müßte es nur richtig servieren.

Viel Spielraum haben sie dabei nicht. Die ganz billigen Schiffe sind heute nicht mehr gefragt. Das schwimmende Hotel muß, wenn es länger als eine Saison mit Erfolg kreuzen soll, in Ausstattung und Service zumindest einigen Komfort bieten. Das allein reicht noch nicht. Abwechslung an Bord, ausgefallene Routen und verlockende Landexkursionen gehören dazu.

So aber werden die Reisen teurer. Allerdings sind hohe Preise heute auch im Massentourismus möglich, das Angebot müßte nur attraktiv genug sein.

Amerikaner und Engländer haben in diesem Jahr das Ende der „Shuffle-Board-Ära“, den Bruch mit den traditionell langweiligen Seereisen angekündigt. Es begann mit der zehn Jahre alten „Independence“. Die American Export-Isbrandtsen Line übertrug der Reiseagentur Fugazy das Management für den betagten Einer. Fugazy investierte rund 14 Millionen Mark und machte zum Entsetzen der Traditionalisten aus der „Independence“ das erste „fun-ship“ der Welt.

Heute erkennt jeder Laie die „Independence“ auf Anhieb. Die Breitseiten des Schiffs schmückt je ein überdimensionaler Sonnenaufgang. Die Sonnenstrahlen in allen Regenbogenfarben bedecken das ganze Schiff. Und in der Mitte leuchten zwei menschliche Augen, fast zehn Meter hoch.

Das Innere des Schiffs wurde auf den Kopf gestellt. Diskotheken, Bars, Restaurants und Imbißstuben wurden eingerichtet und mit Schockfarben bemalt. In den Bars bedienen attraktive Mädchen in Miniröcken. Die zurückhaltenden Stewards und die steifen Tischregeln sind verschwunden.

Fugazy prägte das Wort vom Ende der Shuffle-Board-Ära und konzentrierte seine Werbung auf den sehr amerikanischen Grundsatz: Niemand will heute noch den Eindruck haben, er sei alt. Fugazy erfand auch für die „Independence“ die „European-Plan“-Methode (ohne Vollpension). Wer auf der „Independence“ heute European-Plan bucht, der kreuzt praktisch zum halben Preis.