Von Rudolf Haltung

Daß man von Robert Walser viel lesen könne, über ihn aber nichts – mit dieser Feststellung konnte Walter Benjamin noch 1929 seinen Walser-Aufsatz beginnen. Inzwischen hat sich das geändert: Da und dort sind Aufsätze über Walser erschienen, auch eine Dissertation, von Jochen Greven, gibt es. Auch können wir heute mehr als Benjamin von Walser lesen, obschon der Schweizer Dichter sich bald nach der Niederschrift von Benjamins Essay „in die Anonymität des Patientendaseins zurückgezogen“ und bis zu seinem späten Tod im Jahre 1956, nach jahrzehntelangem Aufenthalt in Nervenheilanstalten, nur noch wenig geschrieben hat.

Gesammelt wurde das da und dort Verstreute, publiziert wird jetzt auch das noch Ungedruckte: im Rahmen einer auf zwölf Bände berechneten Edition des „Gesamtwerks“, von der bis heute sechs Bände vorliegen –

Robert Walser: Bd. III „Poetenleben / Seeland / Die Rose“, 462 S.; Bd. IV „Geschwister Tanner / Jakob von Gunten“, 547 S.; Bd. VI „Phantasieren / Prosa aus der Berliner und Bieler Zeit“, 416 S.; Bd. VII „Festzug / Prosa aus der Bieler und Berner Zeit“, 423 S.; Bd. VIII „Olympia / Prosa aus der Berner Zeit (I)“, 567 S.; Bd. IX „Maskerade / Prosa aus der Berner Zeit (II)“, 487 S.; herausgegeben von Jochen Greven; Verlag Helmut Kossodo, Genf; pro Band 24,– DM.

Damit ist die dichterische Leistung dieses lange Zeit fast vergessenen und unzureichend edierten Schriftstellers überschaubar, der schon vor einem halben Jahrhundert und mehr von Christian Morgenstern und Robert Musil, von Hermann Hesse und Oskar Loerke erkannt und gefeiert worden war.

Wie die Dinge liegen, kann es kaum ein zusammenfassendes Urteil über Walser geben. Zu groß sind die stilistischen Unterschiede und die der Qualität der Arbeiten, von denen die ersten um die Jahrhundertwende entstanden, die letzten Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre geschrieben wurden. Auch der Walser der Berner Zeit, der letzten, gefährlich produktiven Schaffensperiode, schrieb noch zauberhafte, geistvolle und übermütige Feuilletons, auch wenn der Morgenglanz der frühen Arbeiten nicht mehr über ihnen liegt. Aber fatal stark ist in vielen der späteren Arbeiten der Hang zum manierierten gedrechselten Ausdruck, und unabweisbar im Leser der Eindruck, daß Robert Walser wohl überhaupt nach der Berliner Zeit (1906–1912) und zumal in den letzten Jahren mehr geschrieben hat, als er im Grunde zu sagen hatte.

Er habe „gleichsam das Erzählen an sich, ohne Gegenstand“ erfunden, meinte Loerke von Walser, und Benjamin stellte fest, daß bei diesem Schriftsteller „alles, was er zu sagen hat, gegen die Bedeutung des Schreibens völlig zurücktritt“. Aber im Hinblick auf die Romane („Geschwister Tanner“ und „Jakob von Gunten“ ebenso wie der in der neuen Ausgabe noch nicht vorliegende „Gehülfe“ sind zwischen 1907 und 1909 erschienen) und auch auf viele Stücke der ersten Schweizer und der Berliner Zeit darf man doch sagen: Hier wird durchaus nicht „an sich“ erzählt, sondern von Gegenständen und Figuren; auch fehlt es den Romanen nicht an referierbaren Fabeln.