Die Tschechen pflegen ihre Westkontakte

Von Heinz Hofmann

Brünn, Mitte September

Wir haben keine Perspektive mehr – sondern nur noch Möglichkeiten.“ Mit diesem Wort, das zur Zeit in der gesamten Tschechoslowakei kursiert, ist nicht nur die politische, sondern auch die ökonomische Situation des Landes umrissen. Und dieses Wort umreißt auch die Situation, in der Anfang der Woche die Brünner Messe mit einwöchiger Verspätung eröffnet wurde. Es zeigt den Stand der Unsicherheit, der die gegenwärtige Lageeinschätzung und die Zukunftsprognosen beherrscht. Es verdeutlicht, daß die eigene Regierung zwar Überlegungen für die Zukunft anstellen kann, ihre Entscheidungen jedoch ständig durch ein mögliches sowjetisches Veto bedroht sind. Durch den Einmarsch der Okkupationstruppen der fünf Warschauer Paktstaaten konnte das nicht begonnen werden, was die Entwicklung vom Januar auslöste und seit Jahren die wichtigste Aufgabe für KPČ und jene tschechische Regierung darstellt: Die Konsolidierung der Wirtschaft.

Im Herbst vergangenen Jahres bremste Antoni Novotny die gerade zaghaft begonnene Einführung des neuen Wirtschaftsmodells. Im Januar wurde er abgesetzt, im April kam die neue Regierung, und die Ministerien hatten noch nicht ihre neuen Arbeitsrichtlinien entsprechend dem Aktionsprogramm ausgearbeitet und die neuen Pläne fertig, als Cierna, Bratislava und der 21. August das rote Licht aufleuchten ließen.

„Die im großen und ganzen dynamische Entwicklung unserer Volkswirtschaft im vergangenen Jahr und in der ersten Hälfte dieses Jahres berechtigte zu Hoffnungen, daß die ökonomischen Probleme in jenen Richtungen und zu den Terminen gelöst werden können, die im Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei festgesetzt worden waren. Diese Entwicklung wurde durch die bekannten Ereignisse im August dieses Jahres und durch die hierauf entstehende Situation beeinflußt. Die tschechoslowakische Volkswirtschaft steht vor Schwierigkeiten, deren Tragweite sich noch nicht im vollen Ausmaß beurteilen läßt.“ Mit diesen vorsichtigen Worten umriß Außenhandelsminister Vaclav Vales bei der Eröffnung der 10. Brünner Maschinenbaumesse die Situation.

Welchen Kampf die Tschechoslowakei um ihre Wirtschaftskonzeption zu führen haben wird, wurde in der Ausgabe der Parteizeitung Rude Pravo vom Montag, dem 16. September – dem verspäteten Eröffnungstag der Messe, – deutlich. Dreizehn führende Wirtschaftspolitiker und -theoretiker – an erster Stelle der derzeitige Schul- und Erziehungsminister Professor Kadlec – wandten sich in einer öffentlichen Erklärung gegen die Behauptung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, das neue ökonomische Wirtschaftsmodell von Professor Dr. Ota Šik bedeute nichts anderes, als das Land auf den Weg des Kapitalismus zurückzuführen und in Abhängigkeit zu kapitalistischen Mächten zu bringen.