Ivan Palermo: „Storia di um armistizio“; Arnoldo Mondadori Editore, Mailand; 620 Seiten, 4000 Lire.

Trieben König Viktor Emanuel III., Marschall Badoglio und seine Generäle, als sie am 8. September 1943 den Frontwechsel Italiens vollzogen, nicht nur mit dem bis dahin verbündeten Deutschland, sondern auch mit den Alliierten ein Doppelspiel? Erkauften sie sich bei dem deutschen Oberbefehlshaber, Feldmarschall Kesselring, ihren freien Abzug von Rom nach Apulien mit der Zusicherung, das Gros der italienischen Armee nicht gegen die deutschen Truppen kämpfen zu lassen? Diese Fragen wirft der italienische Journalist Ivan Palermo in seiner „Geschichte eines Waffenstillstandes“ auf. Er stützt sich auf bisher unveröffentlichtes Material, das eine von seinem Vater, dem damaligen kommunistischen Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, Mario Palermo, geleitete, vom Kriegsminister eingesetzte „Untersuchungskommission für die unterbliebene Verteidigung Roms“ zwischen Oktober 1944 und März 1945 zusammengetragen hatte. Dieses Material war über zwanzig Jahre lang im Archiv des Verteidigungsministeriums unter strengem Verschluß gehalten worden. Erst Ivan Palermo hat es verwerten und als Anhang zu seinem Buch auch auszugsweise veröffentlichen können.

Je heller die Hintergründe des 8. September 1943 ausgeleuchtet wurden, um so stärker setzte sich im Lande die Erkenntnis durch, daß das Königshaus Savoyen und die von ihm repräsentierte alte Führungsschicht damals kläglich versagt haben. Das wahre Ausmaß dieses Versagens aber macht wohl erst das hier vorgelegte dokumentarische Material deutlich.

Seinerzeit erschien es unfaßbar, daß schon kurze Zeit nach der Verkündung der italienischen Kapitulation durch General Eisenhower der größte Teil Italiens mit der Hauptstadt Rom fast kampflos in die Hände weniger deutscher Divisionen fallen konnte, daß voll einsatzfähige italienische Armeen so gut wie nichts unternahmen, um wenigstens Rom und die noch nicht von den Alliierten besetzten Südprovinzen dem deutschen Zugriff zu entziehen. Nach ihrer überstürzten Flucht über die Abruzzen rechtfertigten sich der König, die verantwortlichen Politiker und die führenden Militärs mit den verschiedensten Argumenten: Eisenhower habe die Kapitulation vier Tage vor dem vereinbarten Zeitpunkt bekanntgemacht; man habe sich deshalb nicht genügend auf den zu erwartenden deutschen Gegenschlag vorbereiten können; Vorbeugungsmaßnahmen des deutschen Oberkommandos hätten den Einsatz alliierter Luftlandetruppen zur Verteidigung Roms unmöglich gemacht; einem an Feuerkraft überlegenen deutschen Gegner gegenüber habe man keine andere Wahl als die Flucht gehabt, wenn man nicht König, Regierung und Oberkommando hätte in die Hände der Deutschen fallen lassen wollen.

Palermos Buch entlarvt all diese und ähnliche entschuldigenden Argumente unwiderlegbar als Legenden. Die „Hearings“ der Untersuchungskommission haben den durch nichts zu erschütternden Beweis dafür geliefert, daß die Flucht des Königs von langer Hand bis ins Detail geplant war und dabei die Feigheit als Motiv eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Sie offenbaren außerdem den mißglückten Versuch des Königs und Badoglios, die Alliierten im Verlaufe der geheimen Waffenstillstandsverhandlungen unter Druck zu setzen und sie notfalls auch zu hintergehen. Durch dieses gefährliche, gleicherweise von Angst und von Illusionen bestimmte Spiel wurde die Katastrophe, die effektive Auslieferung der meisten italienischen Provinzen an Nazi-Deutschland, vorbereitet.

Palermos Dokumentation erweckt darüber hinaus noch einen neuen, weit schwerer wiegenden Verdacht. Die Aussagen verschiedener hoher Offiziere vor dem Untersuchungsausschuß haben die bisher in der Öffentlichkeit für wahr gehaltene Darstellung erschüttert, daß die königliche Flucht aus dem sich bildenden deutschen Einschließungsring um Rom auf der einzigen noch „freien“ Straße nach Osten, der Via Tiburtina, sozusagen in letzter Minute geglückt sei. Tatsache scheint demgegenüber zu sein, daß auch die Via Tiburtina bereits im deutschen militärischen Einflußbereich lag, als sich der König und Badoglio – letzterer ließ übrigens seinen Sohn zurück – aus ihrer Hauptstadt absetzten. Lag eine geheime Abmachung mit Kesselring vor? Palermo glaubt zahlreiche Indizien dafür entdeckt zu haben, die seine These stützen, daß der König seine Flucht erkaufte, indem er seinen Truppen keinen Kampfbefehl gab. Sandra Sassone