Die Gewerkschaften bleiben auf Entspannungskurs. Allen bitteren Enttäuschungen zum Trotz wollen sie ihre Ostkontakte fortsetzen; die Gespräche mit den Gewerkschaften der fünf Okkupationsmächte der ČSSR gelten nur als vorübergehend abgebrochen, bis zur Wiederherstellung normaler Verhältnisse in der ČSSR. Und allen Skrupeln zuwider werden sie auch ihre Bemühungen um Verständigung mit den Arbeitgebern im Rahmen der Konzertierten Aktion fortsetzen.

Das ist das ebenso erfreuliche wie bemerkenswerte Ergebnis der drei Gewerkschaftskongresse (IG Metall, IG Textil, Gewerkschaft Banken und Versicherungen), die im September Aufschluß über den Standort der Gewerkschaften im politischen Kraftfeld gaben. Erfreulich deswegen, weil die Konzertierte Aktion eine der tragenden Säulen der von Professor Schiller praktizierten Neuen Wirtschaftspolitik ist; ohne die loyale Mitwirkung der Gewerkschaften würde sie zusammenbrechen. Bemerkenswert darum, weil der Widerstand gegen dieses neuartige Zusammenspiel der gesellschaftlichen Gruppen in den Gewerkschaften immer noch erheblich ist.

Die von den Gewerkschaften betriebene Politik der Versachlichung der Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sei von den Unternehmern nicht honoriert worden, war aus dem weiten Rund der Kongresse in München, Berlin und Bremen zu hören. Die Gewerkschaften sollten sich wieder auf ihre alte Rolle als „pressure-group“, als „Kampforganisation“ besinnen: mit einer expansiven Lohnpolitik müßten sie sich erstreiten, was ihnen ihre „eigentlichen Gegner“ freiwillig nie geben würden.

Die verantwortlichen Funktionäre waren weitsichtig genug, diesen klassenkämpferischen Sirenentönen zu widerstehen; und sie haben damit auch den Gewerkschaften selbst einen großen Dienst erwiesen.

Man kann nicht nach außen so leidenschaftlich, wie es die Gewerkschaften tun, für Entspannung und Abrüstung eintreten und gleichzeitig nach innen den Kampf und die organisatorische Aufrüstung betreiben – nach dem Motto, allein, die gewerkschaftliche Schlagkraft verbürge den Erfolg. Man kann auch nicht auf der einen Seite die paritätische Mitbestimmung, und das heißt die Kooperation von Arbeit und Kapital, fordern und auf der anderen Seite die gesellschaftspolitische Basis dieser Kooperation schon vom Prinzip her in Frage stellen.

Auf dem IG-Metall-Kongreß wurde Brenner von einigen Funktionären zugerufen, der „eiserne Otto“ möge doch wieder der alte werden. Brenner hat diesem Wunsch nicht entsprochen; und das war wohl eine der weisesten Entscheidungen, die dieser immer mehr in Format hineinwachsende Gewerkschaftsboß im Laufe seines Lebens gefällt hat.

Die Zeit der eisernen Ottos gehört nun wohl endgültig der Vergangenheit an.

Wolfgang Krüger