Von Nina Grunenberg

Wenn Verkehrsminister Leber im November die neue Autobahn "Hansalinie" einweiht, die die Nordseehäfen mit dem Ruhrgebiet verbindet, wird die Stadt Osnabrück in Niedersachsen der Nutznießer des feierlichen Aktes sein. So hat der Minister entschieden, und wem wäre das nicht egal?

Daß der Vorgang seine tiefere Bedeutung hat, wissen nur wenige – für jene aber erfüllte sich mit dieser Nachricht eine moderne, ländliche Tragödie, in der, wenn auch nicht klassisch gerast, so doch schmerzlich gelitten wird.

Wäre Seebohm nämlich nicht verstorben und auch nicht das Opfer der großen Koalition in Bonn geworden, sondern immer noch der Herrscher aller Autobahnen: die Hansalinie wäre nicht in Niedersachsen eröffnet worden. Die Autobahn war noch im Planungsstadium, als es zwischen Seebohm und den Leuten aus dem Tecklenburger Land schon als abgemacht galt, daß die Eröffnungsparty in ihrem Landkreis stattfindet; er grenzt im Norden und Osten an Niedersachsen und bildet den nördlichsten Zipfel von Nordrhein-Westfalen.

Seine sachliche Rechtfertigung hatte der Wunsch der Tecklenburger, die zum Stamme der Westfalen gehören, durchaus. Die Westfalen haben ohnehin den Löwenanteil an der Autobahn, die sich vom Kamener Kreuz bis zur niedersächsischen Grenze kurz vor Osnabrück auf einer Länge von 92 Kilometern durch ihre Landschaft zieht. Davon entfallen auf den Landkreis Tecklenburg 37,5 Kilometer mit vier Anschlußstellen. Ausschlaggebend für das Anrecht der Tecklenburger auf die feierliche Einweihung war aber, daß die Autobahn innerhalb ihres Herrschaftsbereiches durch die landschaftlich reizvollste Gegend führt: Vor der Naturkulisse des Teutoburger Waldes und des Kreisstädtchens Tecklenburg am Hang, das sich bis auf den heutigen Tag die Atmosphäre der ehemals landgräflichen Residenz bewahrt hat, bietet die Gegend reine deutsche Idylle.

Die Tecklenburger hatten gehofft, diese Schönheiten mit Seebohms Hilfe im Fernsehen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Auf ihrer "Bergwaldinsel in der Norddeutschen Tiefebene" dürstete es sie nach einer Selbstdarstellung, die sie ein wenig aus den 425 Landkreisen der Bundesrepublik, zumindest aber aus den 57 Landkreisen von Nordrhein-Westfalen herausgehoben hätte. Oberkreisdirektor Werner Rinke hätte aber nicht nur die Idylle angepriesen, sondern auch von der Aufbauarbeit auf dem Lande erzählt.

"Wir sind die Säulen des Staates", sagt er gern, "so ländlich wie wir leben fünfzig Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik." Vielleicht würde er, wenn er Gelegenheit gehabt hätte, die Problematik des ländlichen Lebens den hohen Herren darzustellen, aus purer Gewohnheit auf die Armbanduhr schauen, wie er es immer tut, so als hoffe er, den nächsten Zug noch zu erreichen.