Von Thilo Koch

Das kleine weiße Wasserflugzeug sieht wie ein ferngelenktes Spielzeug aus. Es surrt über den blaugrünen Wasserspiegel und ist in wenigen Minuten droben über den schwarzen Bergrücken. Sie sind nicht so hoch wie die Alpen, aber so weit im Norden liegen schon die Zweitausender unter ewigem Schnee. 360 Millionen Jahre, sind die Gebirge Norwegens alt; viel älter als die Alpen mit ihren 60 Millionen Jahren. Diese ernste riesige norwegische Bergwelt ist das mächtige Rückgrat Skandinaviens, tief zerklüftet von den eisgrünen, eisblauen Wassern der Fjorde. Sie haben sich oft viele Kilometer tief in die lange norwegische Atlantikküste hineingefressen, bildeten zahllose Verästelungen. Jeder Fjord ist anders, einer der allerschönsten liegt in Mittelnorwegen und heißt Geiranger-Fjord.

Das kleine Wasserflugzeug berührt mit der rechten Tragfläche fast den Berg, von dem herunter in weißen duftigen Schleiern sieben Wasserfälle stürzen, die „Sieben Schwestern“. Bunte Moose, zum Greifen nah, leuchten in der Herbstsonne. Das Flugzeug legt sich auf die Seite. Unter mir uralte Bauerngehöfte. Die Menschen leben hier in abgeschiedener Einsamkeit wie ihre Vorfahren vor hundert, fünfhundert, ja tausend Jahren. Einige der Anwesen, sagt der Pilot, sind nur vom Fjord her zu erreichen.

Dreiviertel des über zweitausend Kilometer hin ausgestreckten Landes Norwegen sind nackter Fels. In einem der größten europäischen Territorien leben auch heute noch nur dreieinhalb Millionen Menschen. Die Küsten, vom Golfstrom erreicht, bieten Nahrung. Und die Wälder am östlichen Abhang der Skanden, des norwegischen Bergmassivs, sind ein immergrüner Schutz gegen Sturm und Winter. Gewaltige ungenützte Naturkräfte schlummern noch in Norwegen. Erst ein Fünftel der Wasserkräfte ist genutzt. Sie könnten, so hat man errechnet, mehr als einhuncert Milliarden Kilowatt Elektrizität liefern.

In die Sanddünen des Nordatlantiks duckt sich das Fischerdorf Bud. Eine kühle steife Brise weht immer vom Meer, macht unternehmungslustig. Von diesen nördlichen Küsten Europas brachen die Wikinger auf zu ihren abenteuerlichen Fahrun. Schon vor tausend Jahren erreichten sie von hier aus Island, Neufundland und den riesigen Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks, den man später Amerika nannte. Nicht Kolumbus also, nicht Amerigo Vespucci und all die anderen Kapitäne des Zeitalters der Entdeckungen betraten zum ersten Male den Boden der Neuen Welt, sondern Wikinger, Normannen, Vorfahren der Norweger. Ihre Schiffe – einige gut erhaltene Exemplare sind in einem Museum bei Oslo ausgestellt – sehen aus wie schlanke, dunkle Tiere. Ihr braunes Holz ist fast unversehrt, der Bug ragt hoch auf und sieht aus wie Kopf und Hals eines riesigen Urweltkranichs. Unvorstellbar, wie einige wenige Männer mit Segel und Ruder Ozeane bezwangen.

Etwas von der Kühnheit und dem unbeugsamen Freiheitsverlangen ihrer Vorfahren haben auch die heutigen Norweger. Sie sind noch immer Seefahrer und Bauern. Das Meer ist für den Norweger die allgegenwärtige Verlockung und Herausforderung. Das Meer ist die Quelle seiner Hauptnahrung. Fisch fehlt auf keinem norwegischen Tisch, dem berühmten „Kaltbord“. Die Norweger fangen mehr Fische als jede andere europäische Nation. Die Handelsflotte des Dreieinhalb-Millionen-Volkes ist die drittgrößte der Welt. Norwegen lebt zum Meer, zum Wasser hin. 18 000 Kilometer lang ist die norwegische Küste.

Eine Rosenstadt am Fjord: Moide am Romsdals- und Molde-Fjord. Im Sommer ist es hier so warm, daß Rosen im Freien blühen. Der Fjord ist groß wie ein riesiger Binnensee. Von einem Aussichtspunkt oberhalb der kleinen, freundlichen Stadt gibt es eines der schönsten Panoramen der Welt: 87 Gipfel reihen sich in weitem Rund aneinander; links weist die Kette nach Schweden hinüber, rechts zum Atlantik hin. „Hier hat der Kaiser Wilhelm fast jeden Sommer gestanden“, sagt der „Turistchef“ Leif Evensen; „er kam regelmäßig zu einem Flottenbesuch im Sommer nach Moide.“