Von Nina Grunenberg

Köln, im September

Herr G. R., ehemaliger Grenadier der Waffen-SS und Kriegsgefangener (viereinhalb Jahre Ural), holte nach den ersten Filmszenen seinen Sohn wieder aus dem Bett, schaute zwei Stunden lang gebannt mit ihm auf den Fernsehschirm und freute sich über den Kommentar des Vierzehnjährigen: "Besser als Bonanza." Der Tierarzt W. H. dagegen hämmerte "im Namen aller freien und unterjochten Ostvölker" einen Aufruf "gegen den teuflischen, satanischen, gottlosen Marxismus-Leninismus" in die Schreibmaschine und prangerte "die marxistischen Henkermörder und Ausbeuter-Blutsauger" an. Herr J. K. forderte eine Entschuldigung bei der deutschen Bevölkerung. Die Lehrerin D. L. rekapitulierte bitter die Stationen ihrer Flucht aus Schlesien über die DDR in den Westen und den "Heldentod" ihres Mannes in Rußland. Frau L. B. fand es eine Zumutung. Herr G. S. fand es "einfach Klasse". Herr H. T. sah im Geiste die Bolschewisten sich die Hände reiben über Deutschlands "nützliche Idioten". Herr E. K., Mitglied der CDU, wundert sich nicht mehr über den Zulauf, den die NPD verzeichnet. Herr H. Z., Abgeordneter im Bayerischen Landtag, bat "wegen des großen Anklangs in der Bevölkerung" um eine Wiederholung. Herr H. R. will sich nicht mehr länger Sendungen "aus der jüdisch-kommunistischen Giftküche" gefallen lassen.

Der zwölfjährige Achim aus Krefeld, den die Eltern ebenfalls aus dem Bett geholt hatten, konnte nach der Sendung nicht mehr einschlafen. In krakeliger Kinderschrift schrieb er an den Westdeutschen Rundfunk: "Was meinen Sie, wieviel Menschen den Film vom 1. August 1968 um 20.15 Uhr gesehen haben und noch immer weinen?"

Am nächsten Morgen entschloß sich der Frankfurter Rechtsanwalt H. Walther, den WDR-Intendanten Klaus von Bismarck und den Leiter seiner Ost-West-Redaktion im Fernsehen, Jürgen Rühle, wegen "Beihilfe zur Volksverhetzung" anzuzeigen.

Es war der Dokumentarfilm des sowjetischen Regisseurs Michail Romm, "Der gewöhnliche Faschismus", der diese leidenschaftliche Kontroverse unter den deutschen Fernsehzuschauern entfachte. Auf die Nerven ging nicht nur das Thema des Films, sondern auch der Termin der Sendung. Und gereizt wurde in vielen Briefen als Instinktlosigkeit angemerkt, daß ausgerechnet ein Russe den Nationalsozialismus analysierte, während die Bedrohung der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion schon sichtbar war. Die über zweihundert Telephonanrufe, die Jürgen Rühle und einer seiner Mitarbeiter noch während der Sendung und bis spät in die Nacht hinein beantworteten, kreisten alle um die Frage: "Was soll jetzt der gewöhnliche Faschismus? wo bleibt eine Analyse des Stalinismus?"

Jürgen Rühle konnte darauf verweisen, daß die Ost-West-Redaktion des Kölner Fernsehens und die Schwester-Redaktionen des Hamburger und des Berliner Fernsehens seit Jahren eigentlich nichts anderes tun, als den Kommunismus in allen seinen Schattierungen in der DDR, in den Staaten des Sowjetblocks und im Fernen Osten zu analysieren. Der polemisch-ideologische Stil früherer Sendungen für die Zone, mit dem bekannten "Brüder-und-Schwestern"-Pathos, wich unter der Ägide Jürgen Rühles in der Kölner Redaktion, die den Hauptanteil am Ost-West-Programm des Ersten Fernsehens hat, der sachlichen Information und der fernsehgerecht dargebotenen Orientierungshilfe für die Auseinandersetzung der Bundesbürger mit den östlichen Ländern. "Die Sehbeteiligung verdoppelte und verdreifachte sich (bis 50 Prozent)", heißt es in einem Memorandum der Kölner Redaktion, "die Bewertung sank von etwa + 5 auf + 3. Darin spiegelt sich der Schritt von der Gesinnungsgemeinde zum Massenpublikum."