Von Alexander Adrion

Alexander Adrion kennt sich im Metier der alten Gaunerspiele, über deren Wiedererscheinen er hier berichtet, aus: Der Zauberer, gerühmt als ein Meister der magischen Kammerkunst, ist selber ein Taschenspieler von hohen Graden. In diesen Tagen erscheint im Walter Verlag, Olten, sein Buch „Zauberei, Zauberei“ (144 S., 24 S. Abb., 14,– DM), das auch das im „Modernen Leben“ der ZEIT Nr. 40/1967 veröffentlichte Gespräch Heinrich Bölls mit Adrion enthält.

Auch er war einer von jenen, die nicht ungeschoren davongekommen waren. Und er ist auch nicht der einzige, der mir seine trüben Erfahrungen mit Kümmelblättchenspielern anvertraute. Aber wenigstens hatte meinen Bekannten dieser Griff nach dem Glück nur fünf englische Pfund gekostet.

In einer schmalen Straße der Londoner City ließ er sich darauf ein, sein Geld auf eine von drei Spielkarten zu legen, die der Unbekannte verdeckt auf einen winzigen Tisch geworfen hatte. Jedes Risiko schien ausgeschlossen, ging es doch nur darum, von den drei Karten die Position der Herz Dame zu ermitteln. Aber er hatte sich geirrt. Er hatte seiner Beobachtungsgabe zuviel zugemutet und die ungewöhnliche Geschicklichkeit des Spielers nicht einkalkuliert.

Kümmelblättchen zu spielen, ist wieder in Mode gekommen. In der Greekstreet in Soho, der Rue Thubaneau in Marseille, in den internationalen Luxuszügen und auf den Rennplätzen trifft man die kleinen Gruppen von Menschen, die vom Reiz dieses ältesten aller betrügerischen Glücksspiele fasziniert werden und Einsätze placieren.

Die Simplizität der Spielregel ist von magnetischer Anziehungskraft. Nur drei Karten werden verwendet, und derjenige, der zum Mitspielen einlädt, zeigt die Werte dieser Karten offen vor. Im allgemeinen ist eine Damenkarte dabei, weshalb das Spiel in England auch „Find the Lady“ genannt wird. Die anderen beiden Karten sind beliebige Zahlenkarten.

Der Austeiler wirft die drei Karten nacheinander schnell auf einen kleinen Klapptisch, auf eine von zwei Zuschauern gehaltene Zeitung oder sogar auf den Rücken eines gebeugt dastehenden Beteiligten und behauptet, daß niemand die Position der Damen-Karte herausfinden könne. Augenscheinlich ist das zwar eine leichte Herausforderung; in Wirlichkeit ist es ein seltenes Glück, wenn die Angesprochenen gewinnen. „Es ist eines der subtilsten und ingeniösesten Glücksspiele, die je erdacht wurden, um Geld ehrlich mit Karten zu gewinnen“, schrieb der mysteriöse Mann, der unter dem Pseudonym S. W. Erdnase um die Jahrhundertwende einen Leitfaden für Falschspieler herausgab.