Robert Strobel, der älteste und an Erfahrung reichste Korrespondent der ZEIT, verlangt, die Mitarbeit an unserem Blatt niederlegen zu dürfen. Mit seinen 70 Jahren hat er das Recht dazu, das Anrecht auf mehr Ruhe.

In diesem Augenblick sollte ich mich bemühen, ein Gedicht für ihn zu machen. Könnte ich nur! Hätte ich nur, wie er, die Gabe, das alles in Reime zu schmieden, was die Gefühle der Freundschaft und Dankbarkeit uns eingeben! Dies aber war – und bleibt hoffentlich noch lange – Strobels Steckenpferd, daß er bei froher Versammlung oder festlicher Tafel sich erhob, um den Anlaß in freimütiger, doch poetisch gebundener Rede zu feiern. Da wuchs sich dann manchmal das Steckenpferd zum vollblütigen Pegasus aus, den er in allen Gangarten vorführte, wobei der leichte Trab witziger Ironie, kritischen Charmes selten fehlte. Schade: Hätte ich ein solches Musenroß, es sollte zu Strobels Ehren die schönste Levade machen.

Als die ZEIT noch jung und als Bonn noch völlig ungeübt war, die Hauptstadt der Bundesrepublik zu sein, mußte uns viel daran liegen, gerade auf diesem Platz einen Beobachter und Berichterstatter von Scharfblick, politischer Erfahrung, verläßlichem Charakter zu haben. Eben dieser in jenen Tagen überaus seltene Rabe bot sich uns glücklicherweise in Dr. Strobel an, der zwar aus Mähren stammte, aber in Österreich und Deutschland seine journalistischen Erfahrungen gesammelt hatte, wobei er auch in trüben Jahren ein Mann von unbestechlichem Blick und eigenem Urteil geblieben war. Leider fehlte es damals der ZEIT an Möglichkeiten, einen solchen Mann gebührend zu honorieren. So arbeitete er nicht für uns allein. Und einmal begonnen, blieb er bei solcher Vielbeschäftigung. Er riß sich in Stücke.

So habe ich denn diese Erinnerung: Zu Besuch bei ihm in Bonn, sah ich ihn spätabends in seine Wohnung heimkehren und zur Couch stürzen. Da mußten sie denn dem Atemlosen, der, schlank und schmal, einem Hürdenläufer nach dem Kampfe glich, erst einmal tüchtig das Herz massieren, ehe er sich erheben konnte, um – er bestand darauf – in wohlartikulierter Sprache, durchblitzt von Witz und durchsetzt von historischen Repliken, die Erlebnisse des Tages zu schildern, die so aufregend für ihn waren, obwohl es ja nicht seine persönlichen Sorgen, sondern die der jungen Demokratie waren. Langsam fand sich dann erst das Lächeln auf seinen scharfen, trockenen, auch heute noch alterslosen Zügen ein. Sein süddeutscher Charme brach durch; es kam die herzliche gastgeberische Geste, das Vergnügen an maßvoll genossenem Wein, an der literarisch geformten Anekdote.

Immer ist er so geblieben: so arbeitsbesessen, so leidenschaftlich. Eine höfliche, aber auch eine „prinzipielle“ Natur, die sich nicht gern dreinreden läßt, so daß ihn die Höflichkeit denn auch zuzeiten verließ; und ich will nicht sagen, daß dies stets Strobels schlechte Zeiten waren; im Gegenteil.

Bei solcher Arbeitskraft, solchem Temperament verstand es sich von selbst, daß der erfahrene Mann sehr bald etwas wie der Sprecher der Bonner Journalisten wurde und schließlich ihr Senior, entsprechend geehrt, und dies nicht nur durch seine Kollegen, sondern sogar durch die Obrigkeit, die hier einmal dem Richtigen Orden verlieh: nämlich dem Unbequemen.

Vor allem hat natürlich die ZEIT Anlaß, ihrem ältesten Korrespondenten Dank zu sagen. Möge unser Freund mit diesem Dank auch einen Seufzer akzeptieren: Wohl erinnere ich mich, ihm erzählt zu haben, daß im Zimmer von Georg Bernhard, dem Chef der „Vossischen Zeitung“, einstmals eine Inschrift hing: „Nicht der Streicher – der Gestrichene ist schuldig!“ Aber es half nichts. Strobel nahm den Witz hin, nicht aber dessen Sinn. Mein Seufzer heißt also, den Bernhardschen Satz verkehrend: Ja, ich habe mich gelegentlich schuldig gemacht, auch ich...

Und jetzt Ihr Lächeln her, Freund Strobel! Und hier immer wieder unseren Dank!