In der vorigen Woche überschütteten die Banken ihre Kundschaft mit Freundlichkeiten. Es begann die Dresdner Bank, als sie mitteilte, daß alle Inhaber von Lohn- und Gehaltskonten mit regelmäßigen Eingängen die Möglichkeit eingeräumt erhalten hätten, kurzfristige Überziehungskredite in Anspruch zu nehmen. Als Obergrenze für solche Überziehungen ist die Höhe eines monatlichen Nettogehaltes bis zu 2000 Mark vorgesehen. „Die Bank“, so heißt es in der Begründung für diesen Schritt, „kommt mit dieser Neuerung einem Bedürfnis ihren von der bargeldlosen Lohn- und Gehaltszahlung Gebrauch machenden Privatkunden entgegen, die nunmehr unabhängig vom Eingang der Gutschrift über ihr Konto disponieren können.“

Wenige Stunden später zog die Commerzbank auf gleiche Weise nach und hob dabei hervor, daß die Konditionen für den Überziehungskredit bei ihr günstiger sind als die bisher zu zahlenden Überziehungsgebühren. Zum gleichen Komplex teilte die Deutsche Bank mit, sie habe bereits Anfang September die Inhaber von Lohn- und Gehaltskonten auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, daß sie ihre Konten bis zu 1000 Mark überziehen könnten, und zwar unabhängig von der Höhe des Nettoeinkommens. Der Zinssatz für Überziehungskredite beträgt bei ihr 7,5 Prozent auf die jeweilige Schuldsumme. Berechnungsgebühren und Überziehungsprovisionen werden nicht erhoben.

Die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft will in dem Reigen der kreditfreudigen Banken nicht fehlen. Auch bei ihr können Konteninhaber Überziehungskredite in Anspruch nehmen. Denjenigen Kunden, deren Konten regelmäßige Einkünfte aufweisen, wird die Bank für Gemeinwirtschaft mitteilen, daß sie künftig ohne vorherigen Kreditantrag oder sonstige Formalitäten einen kurzfristigen Kredit bis zum Dreifachen des Nettomonatseinkommens – maximal 5000 Mark – in Anspruch nehmen können. Zinssatz 7,5 Prozent, keine sonstigen Gebühren.

Eine Reihe von Banken und Sparkassen sind dieser Kreditbewegung gefolgt, andere teilten schlicht mit, daß bei ihnen die Möglichkeit des Überziehungskredits schon immer bestanden hätte. Nur hatten sie vergessen, mit dieser „Großzügigkeit“ Werbung zu treiben.

Der „kleine Mann“ ist bei den großen Banken heute nicht mehr als Sparer und Einleger willkommen, sondern auch als Kreditnehmer. Jetzt ist er endgültig „hoffähig“ geworden. Das hat er weniger einem wachsenden sozialen Bewußtsein in den Vorstandsbüros zu verdanken, sondern in erster Linie dem im Kreditapparat herumschwimmenden Geld, für das nutzbringende Anlage gesucht werden muß.

Das Schweizer Kreditgewerbe steht vor ähnlichen Problemen. Auch dort wird Ausschau nach neuen Kreditkunden gehalten. Die Werbung, sich doch mit Krediten das Leben leichter zu machen, hat bei unseren Nachbarn bereits zu parlamentarischen Aktionen geführt. „Mit diesem Geschäft wird sich eines Tages die Fürsorge befassen. Und auch die Pfarrer“, fürchtet ein in der Erziehung zur Sparsamkeit aufgewachsener Schweizer Abgeordneter.

Für einen breiten Bevölkerungskreis ist der Zustand, mit Schulden zu leben, nichts Ungewöhnliches. Schon in den letzten Jahren hatten sich die Kreditinstitute mit ihren „Persönlichen Kleinkrediten“ und den „Persönlichen Anschaffungsdarlehen“ an die breite Privatkundschaft gewandt, die jetzt zu prüfen haben wird, ob nicht der Überziehungskredit eine billigere Finanzierungsquelle darstellt als diese beiden Normkreditarten. In der Regel dürfte dies wohl der Fall sein. Auf alle Fälle geht es dem recht teuren Teilzahlungskredit weiter ans Leder.