Von Konrad Barner

Aus Krankenhäusern wurde bisher kein Steinwurf gemeldet. Das ist schade, aber verständlich; denn wenn man krank ist, wirft man nicht gern mit Steinen. Man möchte seine Kräfte sparen und gesund werden, nicht revoltieren, Ärzte heilen und Verhältnisse sanieren. Nötig wär’s jedoch. In vielen Punkten.

Da ist zum Beispiel immer noch die Hierarchie, die aus der Sicht des Kranken (ich hatte vierzehn Wochen das Vergnügen) komische Züge annehmen kann. In Gegenwart des Herrn Professors wird aus der selbstbewußten Ärztin ein Schulmädchen, das aufgeregt etwas stammelt zur Orientierung des hohen Herrn. Der ist nämlich, wenn er nur einmal wöchentlich auftritt, gerade dabei, den Patienten mit einem andern zu verwechseln, seine Worte wollen folglich nicht so recht passen.

Aber der Medizinalassistent steht andächtig dabei. Daß er nicht die Hände faltet, ist alles. „Würde gehört dazu“, sagt er mir allen Ernstes. Der Oberarzt hat allerdings gelernt, sich im Kompetenzenkonflikt aus der Affäre zu ziehen. Als ich ihm vorhalte: „Aber der Herr Professor hat gesagt...“, antwortet er: „Da hat er nicht ganz unrecht.“ Aber was soll der Patient für bare Münze nehmen? Am besten nur die Rechnung.

Da ist es praktisch immer noch so gut wie unmöglich, verheerenden Folgen ärztlicher Kunst nachzugehen und den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Jede in der Schule verabreichte Ohrfeige löst heutzutage einen Entrüstungssturm der Eltern aus; kaum jemand entschuldigt oder deckt den Lehrer. Muß es bei Ärzten unbedingt anders sein? „Die Fehler der Ärzte werden begraben“, beruhigt sich und mich ein Arzt.

So engelhaft...

Aber nicht alle haben das Glück, sofort zu sterben; viele müssen erst noch Jahrzehnte mit offensichtlich vermeidbaren Fehlern herumlaufen. Und Angehörige eines auf diese Weise Umgekommenen haben in ihrer Trauer zur Auseinandersetzung meist nicht mehr die Kraft, sie resignieren: „Es ist ja doch nichts mehr zu ändern.“ Für sie nicht. Aber nicht vielleicht doch für andere?