Von Hansjakob Stehle

Viele Stunden schon ergingen sich die tschechoslowakischen und sowjetischen Partner am Moskauer Verhandlungstisch in gegenseitigen Vorwürfen, gekränkt die einen, wütend die anderen. Da zog der Slowake Dr. Gustav Husák, der bislang geschwiegen hatte, ein Papier aus der Tasche und stellte die Frage: Ob es nicht besser wäre für beide Seiten, endlich zur Sache zu kommen.

In jenen dramatischen Tagen, da die sowjetische Armee in die politische Sackgasse marschierte und die Tschechoslowaken an den Rand der Verzweiflung trieb, hatte Husák ein diskutables Konzept vorbereitet, das Moskau einen Ausweg und Prag eine Hoffnung eröffnen konnte. Es wurde – mit bitteren Abstrichen und hart erkämpften Zusätzen – die Grundlage des Moskauer Protokolls vom 26. August.

Immer schon hat sich Husák – Jahrgang 1913, seines Zeichens Jurist – mehr auf seinen Kopf als auf seine Gefühle verlassen. Seit seiner Studentenzeit ist er mit der kommunistischen Bewegung verbunden; 1933 trat er in die Partei ein. Die nationalen Spannungen in der ersten tschechoslowakischen Republik prägten sein Denken. Obwohl Moskau einen zentralistischen Kurs befürwortete, bildeten Husák und seine Freunde Novomesky (heute slowakisches KP-Präsidiumsmitglied) und Clementis (1952 hingerichtet) am 1. September 1943 im Untergrund den slowakischen Nationalrat, der zu gleichen Teilen aus Kommunisten und „Vertretern des bürgerlichen Lagers“ bestand. Gegen den Widerspruch der in Moskau sitzenden KPC-Führung brachte Husák am 17. September eine Vereinigung der slowakischen Kommunisten und Sozialdemokraten zustande und schloß mit den nichtkommunistischen Widerstandsgruppen das „Weihnachtsabkommen von 1943“, das den vernünftigen Mittelweg zwischen Separatismus und totaler Integration einschlug: Die Tschechoslowakei sollte „Als gemeinsamer Staat von Tschechen und Slowaken auf dem Prinzip der Gleichheit“ wiedererstehen.

Scheinbar siegte dieses Prinzip nach 1945; Husäk wurde Vorsitzender der slowakischen Landesregierung in der neuen Republik. Aber fünf Jahre später begann das politische Kesseltreiben gegen ihn und seine slowakischen Freunde. Im Februar 1951 schloß man ihn als „bürgerlichen Nationalisten“ aus der Partei aus. 1954, zwei Jahre nach dem Slansky-Prozeß und ein Jahr nach Stalins Tod, wurde er als „Titoist“ zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt.

Als Husák nach neun Jahren 1960 begnadigt wurde und einen bescheidenen Posten am historischen Institut der Akademie der Wissenschaften antreten durfte, war er noch nüchterner und, wie manche seiner Freunde meinen, noch kühler geworden. Ohne daß er seinen Glauben an die kommunistische Sache verloren hätte, war ihm sowohl der Wert staatsbürgerlicher Freiheiten wie die Vergänglichkeit bloß sentimentaler Bindungen aufgegangen. Nach ersten vorsichtigen Artikeln im Preßburger„Kulturny Zivot“ blieb er auch nach dem Sturz Novotnys Anfang 1968 noch im Hintergrund. Er unterstützte zwar die Erneuerungsbewegung entschieden, aber er weigerte sich, was ihm manche verübelten, in den allgemeinen Überschwang dieser Monate einzustimmen. Im Februar schrieb er: