Von Hans Mayer

Das Unbehagen nach der Frankfurter Uraufführung des „Vietnam-Diskurs“ von Peter Weiss am 20. März war vollauf berechtigt. Ein Theaterbetrieb von Bildung und Besitz mit einem engagierten Intendanten, ein Stück der ungewohnten Art, das aber Theaterstück bleibt und bleiben will, gleichzeitig jedoch die moralische Anstalt in Frage stellen muß. In der anschließenden Diskussion wurde der treffendste Satz von dem Soziologen Jürgen Habermas gesprochen, als er konstatierte: das allgemeine Unbehagen über diesen Theaterabend stamme daher, daß hier Theater in politischer Ersatzfunktion auftrete. Man diskutiere die Vietnam-Politik auf dem Theater, weil sich der Bundestag in Bonn weigere, diese – für ihn legitime – Aufgabe zu übernehmen.

„Wie man etwa im Fußball Torchancen ‚herausspielt‘, so hat Brecht mit seinen Parabeln Widersprüche ‚herausgespielt‘, freilich sicher an dem falschen soziologischen Ort, mit den falschen soziologischen Mitteln: von der Wirklichkeit, die er ändern wollte, unendlich entfernt, die hierarchische Ordnung des Theaters benutzend, um andere hierarchische Ordnungen hierarchisch zu stören: keinen Ruhigen hat er beunruhigt, Unzähligen freilich ein paar schöne Stunden geschenkt. Zwar hat er die Haltungen von Schauspielern geändert, nicht aber unmittelbar die Haltungen von Zuschauern: und daß durch die Haltung der Schauspieler sich wenigstens mittelbar die Haltung der Zuschauer geändert hat, ist geschichtlich falsch.“ Sätze von Peter Handke aus einer Betrachtung über „Straßentheater und Theatertheater“, erschienen im April-Heft 1968 der Zeitschrift Theater heute.

Das stimmt, was Handke unlieb sein dürfte, fast im Wortlaut überein mit Argumenten von Max Frisch aus seiner Rede vom Oktober 1964 über das Verhältnis zwischen Autor und Theater. In beiden Fällen die nachbrechtische Position, die eine Antiposition sein möchte. Max Frisch bezweifelt, daß das Brecht-Theater jemals Bewußtsein im Zuschauer verändert und das Verhalten des Zuschauers modifiziert hätte. Brecht war der Meinung, der neuen antiaristotelischen Dramaturgie und einer neuen Schauspielkunst müsse eine – gleichfalls erst zu schaffende – neue Zuschaukunst entsprechen. Die ist aber weder mit Hilfe des „Berliner Ensembles“ noch durch Frankfurter oder Mailänder Brecht-Aufführungen entwickelt worden. Dialektische Wechselwirkung zwischen Bewußtsein und gesellschaftlichem Sein in Ehren: aber eine neue, nicht mehr kulinarische Relation zwischen Spiel und Zuschauer kann nur erwartet werden, wo eine Erlebnisgemeinsamkeit besteht, die sich auf gemeinsame Taten zu berufen vermag. In den’sowjetischen Theatern um 1923 hat es das vielleicht gegeben, oder in den Spielen chinesischer Soldaten nach dem langen Marsch, oder heute in Kuba.

Der Fall des Theaters am Schiffbauerdamm lag anders. Das Fehlen einer Revolution ließ sich nicht durch die Aufführung eines Stückes mit dem Titel „Tage der Commune“ kompensieren.

Max Frisch folgerte daraus – und hatte in dieser unhistorischen Verallgemeinerung seiner These ganz sicher unrecht –, Theater könne niemals eine Veränderung in der Wirklichkeit bewirken. Wer das fordere, präsentiere eine unreinliche Mischung aus Politik und Poesie. Auch Brecht habe nie etwas anderes geliefert als Einbildungskraft ohne Realbezug, folglich Poesie.

Fehler mit Brecht