Von Dietrich Strothmann

Adolf von Thadden strahlt: Sieg, Triumph und Gloria stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Am Tag zuvor, bei einer Wahlkundgebung vor der Niedersachsenhalle in Hannover, ist er mit rohen Eiern und faulen Tomaten beworfen worden. Aber jetzt, vor der Presse, rechtet er mit den Sowjets, dem Fernsehen, dem Gewerkschaftsbund, den Bonner Parteien samt ihren Ministern. Noch nie zuvor in seiner Auf- und Ab-Karriere war der NPD-Führer so in seinem Element. Er ist wieder wer: Buhmann Moskaus, des Westens Schreckgespenst, Bonns böser Bube.

Thaddens Partei ist heute mit 61 Abgeordneten in sieben Länderparlamenten vertreten; ihr Stimmenanteil hat sich in knapp drei Jahren fast verfünffacht. Er ist fest entschlossen, im nächsten Herbst Bonns vierter Fraktionschef zu werden – wenn nicht kraft eigener Stärke, durch den Beistand anderer:

  • der Sowjets, die auf die Wiederkunft der „Nazis“ ihr Interventionsrecht stützen – und damit unter den Wählern zu NPD-Gunsten Trotz und Protest entfachen („Nun erst recht Nationaldemokraten“),
  • der Bonner Regierungsparteien, die zwar immer davon reden, der NPD müsse mit politischen Mitteln das „Wasser abgegraben“ werden, mit Hilfe der Aufklärung, der Antipropaganda, der eigenen Image-Polierung, die sich aber nicht zu gemeinsamen Taten durchringen können – und so bei den Wählern in den Geruch schwächlicher Windmacher gekommen sind,
  • einiger Minister, vor allem der SPD, die gedrängt von den Gewerkschaften, alle Jahre wieder ein Verbot der NPD fordern, ohne Erfolg freilich – und auf diese Weise noch zögernden Wählern Auftrieb geben („Uns kann keiner“).

Die NPD ist ein natürliches Kind dieser Republik, ihrer Versäumnisse, ihrer Schwächen. Was in ihrem Programm an Parolen steht, was Thadden will – auf dem Boden der Demokratie, in der Anerkennung des Rechtsstaates –, verkünden auch andere Parteien, fordern auch andere Politiker: nationale Besinnung, Antikommunismus, Paktieren mit Paris, Absage an Amerika, die europäische Bombe, den Schlußstrich unter die Vergangenheit, den Milchpfennig, die Kohlesubvention. Hitler lehnen sie gemeinsam ab, Auschwitz, die Nürnberger Gesetze – Nationaldemokraten wie die übrige Bevölkerung; die deutschen Ostgebiete und das Sudetenland wollen viele zurückgewinnen, friedlich versteht sich, die Thadden und die Becher.

Die Grenzen zwischen Rechtsradikalismus und Konservativismus sind fließend, an den politischen Peripherien decken sich Wünsche und Postulate. Und „alte Nazis“ gibt es auch anderswo, nicht nur bei der NPD. Thadden sagt, was viele denken. Als Bonner Fraktionschef, so rechnet er, wird er ab 1970 koalitionsfähig sein. Nach den Kommunalwahlen in Niedersachsen wird es in einigen Kreistagen und Gemeinderäten die ersten „schwarz-braunen Ehen“ geben.

Was also bleibt, um dieser Sammlungspartei nationaler Wiedertäufer, diesem Gemisch aus alten „Ewig-Gestrigen“, jungen „Unbelehrbaren“ und unzufriedenen Protestierern den Weg nach Bonn zu verbauen? An das Gewissen zu appellieren („Jedes Prozent NPD-Wählerstimmen bedeutet für unsere Außenpolitik eine Selbstverstümmelung“), den Selbsterhaltungstrieb zu beschwören („Ein NPD-Sieg kostet uns Arbeitsplätze, weil westliche Firmen ihre Aufträge zurücknehmen“), die politische Bildungsarbeit zu intensivieren, sich den „Rattenfängern“ im Schlagabtausch zu stellen („Wir müssen ihnen die Maske biedermännischer Scheinheiligkeit herunterreißen“) – das alles ist manchem sorgenvollen Beobachter des NPD-Aufstiegs nicht genug. Sie rufen nach dem Kadi. Nur ein Verbot der Nationaldemokraten könne das Übel noch beseitigen.