Von Wolfgang Müller-Haeseler

In unserem ersten Beitrag „Die Kinder bremsen den Fortschritt“, ZEIT Nr. 38, wurden die Entstehung Pakistans und seine wirtschaftlichen Grundlagen geschildert. Mit den Auswirkungen des pakistanisch-indischen Krieges von 1965 um das Gebiet von Kashmir auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes bis heute schließen wir den Bericht aus Pakistan ab. Karachi, Ende September

Das Ereignis des Jahres, die National Horse and Cattle Show 1968, stand in Lahore diesmal nur unter einem Zeichen: Dem wirtschaftlichen Erfolg des Regimes von Feldmarschall Mohammad Ajub Khan. Die traditionellen Reiterspiele, deren Ursprung bis ins frühe Mittelalter zurückreicht, der Umzug der herausgeputzten Wasserbüffel, Bergziegen und Pferde wurden fast völlig verdrängt von den auf Trecker montierten Darstellungen neuer Elektrizitätswerke, Jutespinnereien, des gerade fertiggestellten Mangladammes im Indus-Becken und zahllosen statistischen Kurven, die in offizieller Sicht sämtlich steil nach oben zeigten.

Wenn ab und zu eines der Propagandagefährte stockte, so war das keinesfalls symbolisch zu sehen, sondern bestenfalls als eine der Pannen zu werten, von denen es in Pakistans Wirtschaft noch mehr als genug gibt. Der Grund für diese Pannen ist nicht schwer zu finden. Es war in •jüngster Vergangenheit vor allem die kriegerische Auseinandersetzung mit Indien um das umstrittene Gebiet von Kashmir am Fuße des Himalaya im September 1965, dessen Fürst sich 1947 bei der Teilung des indischen Subkontinents zwar für Indien entschied, dessen Bevölkerung aber überwiegend wegen ihres mohammedanisehen Glaubens nach Pakistan tendiert. Sie hat die Wirtschaft des jungen Landes tief erschüttert und eine Revision des so hoffnungsvoll begonnenen und ehrgeizigen dritten Fünfjahresplanes notwendig gemacht.

Was dieser Krieg finanziell gekostet hat, ist in Pakistan nicht zu erfahren. Es gibt lediglich einen Anhaltspunkt: die Devisenlage des Landes. Vor diesem – im Grunde genommen unsinnigen – Krieg betrugen 1963/64 die Gold- und Devisenreserven Pakistans noch 35 Prozent der Einfuhren, die damals durch den Nahrungsmittelmangel noch wesentlich höher waren als heute. 1965 nach Beendigung des Krieges war dieser Prozentsatz trotz der Verbesserung auf dem Ernährungssektor auf 21 Prozent abgesunken. 1968 hatte das Land mit einer Bevölkerung von 118 Millionen Einwohnern noch ganze 161 Millionen Dollar Devisenreserven.

Was jedoch schwerer wiegt, ist der Rückgang der Zuwachsrate des Bruttosozialprodukts. In dem 1964 beendeten zweiten Fünfjahrplan erreichte Pakistan ein durchschnittliches Wachstum von jährlich 5,2 Prozent, das 1965/66 auf 4,6 Prozent zurückging. Auch wenn der Chefplaner von Westpakistan optimistisch das Wachstum für dieses Jahr auf 6 bis 6,5 Prozent schätzt, wird das für die Periode von 1965 bis 1970 angesetzte durchschnittliche Wachstum von 6,5 Prozent mit Sicherheit nicht mehr erreicht werden. Die für diesen Zeitraum geplanten Investitionen von 52 Milliarden Rupien (1 Rupie = 0,84 Mark) mußte im Zuge der Revision des dritten Fünfjahrplans bereits um 15 Prozent gekürzt werden.

Eine weitere Folge des Kashmir-Krieges, für den sich Indien und Pakistan die Schuld gegenseitig in die Schuhe schieben, war der Fortfall der kostenlosen amerikanischen Waffenhilfe an den Partner Pakistan im südostasiatischen Verteidigungspakt der CENTO. Seit 1954 hatten die Vereinigten Staaten Waffenhilfe im Werte von über 800 Millionen Dollar geleistet, die sie nach dem September-Krieg im Jahre 1965 einstellten. Pakistan erhöhte daraufhin im Finanzjahr 1965/66 seine Verteidigungsausgaben von den im Haushalt vorgesehenen 1,36 Milliarden auf 2,71 Milliarden Rupien. Und auch 1966/67 sind nach offiziellen Angaben in Islamabad mit 2,25 Milliarden Rupien noch mehr als ein Drittel des Staatshaushaltes für militärische Ausgaben verwendet worden. 1967/68 waren es immer noch 2,18 Milliarden.