Von Martin Gregor-Delliu

Wer wollte es noch für Zufall halten, daß unter der vergleichsweise liberalen jugoslawischen Kulturpolitik die lebendigste, formenreichste Literatur des mittel- und südöstlichen Europa und gewiß aller kommunistischen Staaten entstehen konnte?

In einem mehrsprachigen Grenzland – Serbien, Kroatien, Montenegro –, unter der stimulierenden Gegenwart eines Ivo Andrić, eines Miroslav Krleža und Dušan Matic, Repräsentanten realistischer, expressionistischer und surrealistischer Schulen, haben sich Autoren wie Vasko Popa, Oskar Davićo, Miodrag Pavlovic, Stevan Raickovic, Antun Soljan, Viadan Desnica und Miodrag Bulatović relativ ungestört entwickeln könnt Sie blieben von den Einflüssen des sozialistischen Realismus verschont und gerieten nicht in jenen aufreibenden Prozeß zwischen Anpassung und Nicht-Anpassung, der viele Energien durch den Zwang zu Kaschierung und Schlüsselsprache verzehrt.

Einigen von ihnen ist der Weg ins Ausland erst durch die deutsche Übersetzung gebahnt worden. Unter ihnen war Miodrag Bulatović von Anfang an das vitalste Talent, mit allen Schattenseiten und Gefahren quantitativer Ungebärdigkeit. Man muß schon seine Anfänge heranziehen, um noch zu begreifen, worum es ihm eigentlich geht; denn sein neuer, vierter Roman

Miodrag Bulatovic: „Der Krieg war besser“, Roman in vier Teilen und einem Epilog; aus dem Serbokroatischen von Fred Wagner; Carl Hanser Verlag, München; 440 S., 24,80 DM

ist nichts als Fortsetzung und Variation, ein explodierendes Nachspiel zu seinem Roman „Der Held auf dem Rücken des Esels“. Schon in „Wolf und Glocke“, einer Parabel von Auserwählung und Verdammnis, waren im Grund alle wichtigen Ideen seiner folgenden Bücher versammelt und vorformuliert: die Verspottung des Heldentums; ein militanter Pazifismus („Wir schießen auf niemand, aber wir führen Krieg“); die bis an die Grenze des Melodramatischen gehende Selbstanklage seiner von Schuld und Scham gequälten Protagonisten und ein Menschenmitleid, das Verfolger und Verfolgte umschließt. Nur ein einziger Gedanke trat im Partisanen- und Okkupanten-Epos „Der Held auf dem Rücken des Esels“ hinzu; er wurde von einem italienischen Major namens Antonio Peduto ausgesprochen: „Krieg und Obszönität, in der Praxis ist das ein und dasselbe, und mir tut es leid, daß es für einen Begriff zwei Bezeichnungen gibt.“

Dies nun ist die Fortsetzung des Kriegs- und Obszönitäts-Romans über den Sieg hinaus – aber was ist der Sieg? Ein epileptischer Anfall. „Der Friede wird schlimmer sein“, heißt es in einem Soldatenlied, das Bulatovic als Motto voranstellt; also ist die Obszönitäts-Gleichung nicht außer Kurs gesetzt. Peduto formuliert: „Der Sieger braucht sich vor niemandem zu verantworten ... Sieg, das ist Freiheit von jeglicher Verantwortung. Sieg, das ist Unmoral. Sieg, das ist die Schande über alle Schande.“