Friedrich-Karl von Plehwe: „Schicksalsstunden in Rom. Ende eines Bündnisses“; Propyläen-Verlag, Berlin; 316 Seiten, 19,80 DM.

Die Diskussion um die italienische Kapitulation im September 1943 steht vor allem unter einem moralischen Aspekt: Haben sich die Italiener beim Frontwechsel von den Deutschen zu den Alliierten eines Verrats schuldig gemacht?

In jüngster Zeit erschienen zu diesem Thema zwei Bücher, die entgegengesetzte Ansichten vertreten. Der amerikanische Journalist Peter Tompkins schildert in seinem allerdings recht konfusen und wenig objektiven Buch „Verrat auf Italienisch“ (s. DIE ZEIT vom 27.10.1967) die italienische Politik jener Wochen als ein Wirrsal von Betrug, Feigheit und Versagen, während sich der Diplomat Friedrich-Karl von Plehwe, damals Erster Generalstabsoffizier beim Militärattaché an der deutschen Botschaft in Rom, für eine Ehrenrettung der Italiener einsetzt und nachweist, daß von Verrat auf italienischer Seite nicht gesprochen werden kann.

Der Historiker Plehwe verfügt über wertvolle und zuverlässige Quellen: seine eigenen Tagebücher und die Akten des alten Auswärtigen Amtes. Der junge Generalstabsoffizier verfügte infolge enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Militärattache General von Rintelen über gute private Kontakte zu Vertretern des italienischen Offizierskorps. In diesen Kreisen wurde der Sturz des Diktators Mussolini als notwendig bejaht und der Zusammenbruch des Faschismus als Erlösung für das Land begrüßt. Die Monarchie stand bei den Offizieren noch in hohem Ansehen; die von Emanuel III. eingesetzte Regierung Badoglio wurde akzeptiert.

Diese Militärregierung verkündete zunächst trotz der verzweifelten militärischen Lage Italiens die Fortsetzung des Krieges, ließ aber die feste Zuversicht erkennen, alsbald im Einvernehmen mit Deutschland zu einem Friedensschluß zu kommen. Hier hatte man allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Hitler reagierte überaus heftig auf den Umsturz in Italien, den er als persönliche Demütigung auffaßte; auch ergaben sich aus dem Zusammenbruch des Faschismus zweifellos Gefahren für die Stellung des Nationalsozialismus in Deutschland. Anstatt die legitime Regierung Badoglio anzuerkennen, schmiedete er Rachepläne zu ihrer und des Königshauses Vernichtung und zur Wiedereinsetzung Mussolinis. Deutsche Divisionen, die vorher für die Verteidigung Siziliens nicht verfügbar schienen, wurden nun nach Norditalien verlegt, ohne daß man die Italiener gefragt oder auch nur informiert hätte.

Die unmißverständliche Bedrohung durch die Deutschen, die nicht die geringste Bereitschaft erkennen ließen, Italien aus dem Krieg zu entlassen, zwang die Regierung, heimlich Kontakte mit den Alliierten aufzunehmen. Unter dieser unerträglichen Situation litten viele Italiener um so mehr, als das Problem des Verrats ihnen schwer zu schaffen machte: Auf ihrem Land lastete bereits der Vorwurf, 1915 den Verbündeten gegenüber wortbrüchig geworden zu sein. Dennoch wurde der harte Waffenstillstand mit den Alliierten unterzeichnet; Deutschland ließ Italien keine andere Wahl. Plehwe weist überzeugend nach, daß der Vorwurf des Verrats unbegründet war; vielmehr hatten die Deutschen, ihren schwachen Verbündeten mehrfach hintergangen und betrogen, bevor Rom an die Westmächte herantrat.

Dem Autor kommt das große Verdienst zu, durch dieses wichtige Buch emotional bedingte Vorurteile Italien gegenüber abzubauen und dadurch den Weg für ein freieres Verhältnis der beiden Völker zueinander zu ebnen. Plehwe, von äußerster Empfindlichkeit des Gewissens und einem durch Erziehung und Veranlagung gesteigerten Ehrgefühl, hat sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht; gewissenhaft setzt er sich auch mit dem Völkerrecht auseinander, um Italien vom Makel des Verrats zu befreien. Trotz dieses ethischen Engagements ist das Buch sachlich und objektiv geschrieben.