Von Alex Natan

Auf den letzten sechs Olympischen Spielen haben die Propheten den Briten in der Leichtathletik keine Chancen auf Goldmedaillen eingeräumt. Dann tauchten jedoch immer wieder Männlein und Weiblein aus dem Inselreich auf und demonstrierten jene Extra-Unze an undefinierbarem und unübertreffbarem Kampfesmut, die dann ausreichte, die eine oder andere oder gar beide Goldmedaillen für Großbritannien zu gewinnen. Wie soll man jedoch in einem Jahr olympische Aussichten beurteilen, wenn die wichtigste Goldmedaille entweder an jenen Kardiologen fallen sollte, der die wenigsten Patienten aufzuweisen hat, oder an jenen kollegialen Herzspezialisten, der die meisten Kunden vor dem Zusammenbruch gerettet haben wird? Wie kann man seinen Stuhl im olympischen Delphi dieses Mal aufstellen, wenn man in einer Instruktion an die britische Mannschaft lesen muß, daß die Furcht vor der Höhenlage nur durch allmorgendliche Messung des Pulsschlages, durch Ablesung des Körpergewichts und durch regelmäßige Feststellung der rektalen Körpertemperatur bekämpft werden kann. Unter solchen Begleitumständen sieht es böse um die Chancen eines olympischen Propheten aus, der sprichwörtlich nichts im eigenen Vaterland gilt und infolge Paßformalitäten Schwierigkeiten hat, sich ein anderes auszusuchen, wo er seinen dreifüßigen Stuhl aufstellen könnte, um in die undurchsichtigen Herbstnebel eines mexikanischen Oktobers zu stieren.

Auf dem Papier besitzen die Briten kaum eine Chance auf eine Goldmedaille in der Leichtathletik, vielleicht jedoch die eine oder andere, wenn man nur den Durchschlagbogen in Betracht zieht. Über die kürzeren und langen Sprintstrecken wird man höchstens dann den Union Jack im Endlauf vertreten finden, wenn es den Amerikanern erstens gelingen wird, sich in allen drei Disziplinen durch Neger vertreten zu lassen, diese alle in die drei Endläufe kommen und dann dort nicht antreten, das heißt, ihren angekündigten Boykott wahrmachen. Dann könnte man vielleicht die Namen der Briten Ralph Banthorpe über 200 m und Colin Campbell über 400 m hören. Da die Mittelstrecken doch im Zeichen Jim Ryuns stehen dürften, könnte sich höchstens der Brite John Davies durch einen formidablen Endspurt über 800 Meter bemerkbar machen. Man würde überrascht sein, britische Farben in den langen Strecken im Endlauf zu sehen.

Ganz anders sieht es dagegen im Marathon aus, jener Laufstrecke, die keinen sportlichen Zweck erfüllt und nur der sentimentalen Erinnerung an ein höchst zweifelhaftes Ereignis im Altertum dient. Hier sollten eigentlich nur Altphilologen starten dürfen. Aber gerade auf diesen 42 km besitzt „Good Old England“ Aussichten auf eine Goldmedaille. Adcocks ist in diesem Jahr die beste Zeit gelaufen, ist aber später von Johnson und Alder geschlagen worden, so daß die Briten hier ein Trio bereit halten, das Aufmerksamkeit verdient. Was gegen einen Erfolg spricht, ist die Tatsache, daß die Briten hier noch niemals eine Goldmedaille erringen konnten, sich dagegen immer wieder mit silberner Münze zufriedenstellen mußten.

Ganz andere Aussichten, wirkliche Tips für den Buchmacher, stellen die Chancen von David Hemery über 400-m-Hürden und von Lynn Davies im Weitsprung vor. Wer 49,8 sec laufen kann, besitzt eine Anwartschaft auf eine Medaille, zumal Hemery unlängst die beiden Amerikaner Vanderstock und Whitney besiegen konnte, die ohne ihn weit bessere Zeiten gelaufen sind. Lynn Davies verteidigt seinen Titel und dazu noch seine Europameisterschaft. Er ist einer jener Briten, der nach Papierform nur höchstens Plätze erreichen könnte, dann jedoch im letzten Sprung über sein eigenes Können auf geniale Weise hinauswächst und die goldene Medaille gewinnt.

Die Briten besitzen also Siegeschancen in der langen Hürdenstrecke, im Weitsprung und im Marathon und werden sicherlich andere, etwas weniger scheinende Medaillen in den Staffeln und vielleicht im 800-m-Lauf erringen können. Da bekannterweise im Gehen alles möglich ist und die Briten von einer günstigen Tradition vermelden können, so besitzen sie hier durch Nihill eine weitere Chance auf eine gute Medaille, wobei einmal daran erinnert werden soll, daß die Differenz zwischen einer Goldmedaille und einem vierten Platz, der bereits als „ferner liefen“ gilt, selten höher als ein Prozent sein soll. So meinen die Statistiker, jene Aasgeier der Arena, die nach vollbrachter Leistung immer beweisen wollen, wer eigentlich wie und warum hätte siegen müssen, ohne zu sagen, warum dies nun nicht der Fall gewesen ist.

In den Damenwettbewerben sieht es dagegen recht trübe für die Briten aus, nachdem es Mary Rand nicht geschafft hat, in die Mannschaft zu kommen. Die Läuferinnen sind guter Weltklassendurchschnitt, aus denen wiederum die sehr junge und ziemlich unerfahrene Lilian Board über 200 m herausragt. Sie wird sicherlich im Endlauf zu finden sein und mit Stabglück dafür sorgen, daß die britischen Farben auch in der Staffel prominent zu sehen sein werden.

Soweit die Voraussage auf Grund der Papierform, die jedoch in Mexiko weniger denn je zu sagen haben wird. Die jeweiligen ärztlichen Bulletins werden ausschlaggebend sein, wenn ein übermütiger Gast auf mexikanischer Höhenlage Wetten anlegen möchte.