Von Sandra Sassone

Rom, im September

Papst Paul VI. sieht sich seit der Veröffentlichung seiner Enzyklika „Humanae vitae“ einer beständig anschwellenden Welle der Kritik ausgesetzt. Nicht nur im laizistischen Lager wird das Verbot der Benutzung künstlicher Mittel zur Geburtenregelung als unzeitgemäß und – angesichts der Bevölkerungsexplosion in den Entwicklungsländern – unverantwortlich abgelehnt. Auch in der katholischen Welt weigern sich viele Gläubige, ja sogar eine Reihe von Priestern und manche Bischöfe, das päpstliche Gebot widerspruchslos hinzunehmen. Hier und dort in der Papst-Kirche rebelliert und gärt es. Hinzu kommen allgemeine Anzeichen einer Glaubens- und Autoritätskrise, kommt nicht zuletzt die Befürchtung, daß die spektakuläre Südamerika-Reise weder den herrschenden Klassen in Lateinamerika den entscheidenden Impuls zur sozialen Reform, noch den unterdrückten Massen den Glauben an die Möglichkeit der gewaltlosen Evolution zu geben vermochte.

Kein Zweifel: Das Bild des römischen Pontifex hat durch all dies manches von seinem traditionellen Glanz und Charisma verloren. Kein Zweifel auch, daß sich Paul VI. dessen schmerzlich bewußt ist und sichtbar darauf zu reagieren beginnt.

Über die inneren Beweggründe dieser Reaktion sind die Ansichten geteilt. Die einen meinen, der 71jährige fühle sich als Märtyrer. Er sei nach einer langen Periode des Schwankens und der inneren Selbstprüfung jetzt fest überzeugt davon, daß er zur Verteidigung des wahren Glaubens und der gottgewollten kirchlichen Strukturen gegen die Anfechtungen der modernen Welt herausgefordert sei. Er zeige sich entschlossen, im innerkirchlichen Bereich jede „Aufweichung“ zu unterbinden und den „progressistischen“ Kräften in der Kirche ein Betätigungsfeld auf politischem und sozialem Gebiet zuzuweisen. Die anderen wiederum sprechen von Altersstarrsinn, der den Papst daran hindere, sich den Erfordernissen einer – auch im kirchlichen Raum – dynamischen Welt immer wieder aufs neue anzupassen.

Für die eine wie für die andere Deutung gibt es sicherlich zahlreiche Argumente. Fest steht auf alle Fälle, daß seit dem vergangenen Sommer im Porträt Pauls VI. neue Züge erkennbar geworden sind. Die „hamletische“ Natur des einstigen Kardinals Montini, von der Johannes XXIII. einmal gesprochen haben soll, ist heute kaum mehr zu bemerken. Eher dominieren Entschiedenheit, ja sogar eine gewisse gereizte Aggressivität.

Schon die Lektüre der päpstlichen Reden macht den Wandel deutlich. Bis zum Frühsommer dieses Jahres gaben diese Ansprachen vornehmlich Zeugnis vom mühevollen Ringen des Papstes. Die Größe des Auftrages, der Katholischen Kirche ihren Platz in der Welt von heute zu sichern, wurde mehr als einmal rhetorisch konfrontiert mit den eigenen schwachen Kräften. Jahrelang traten Unentschlossenheit und innere Zweifel in Erscheinung – besonders hinsichtlich der konkreten Frage der Geburtenregelung. Immer wieder wurde eine päpstliche Entscheidung angekündigt, und stets wurde sie wieder vertagt.