Saarbrücken

Im Verlagsgebäude der „Saarbrücker Zeitung“ in der Gutenbergstraße rätselt man daran herum, ob die ominöse 13 wirklich eine Glückszahl ist. 13 Jahre lang hatten sich Regierung und Landtag nicht allzu emsig bemüht, die „Saarbrücker Zeitung“, die größte und älteste saarländische Tageszeitung (Auflage 160 000) zu verkaufen. Das hat sich in den letzten Wochen geändert. In der Staatskanzlei ist man plötzlich aktiv geworden, und wenn nicht alles täuscht, wird die „Saarbrücker Zeitung“ noch vor Jahresende für einige Millionen Mark den Besitzer wechseln. Der Zeitungsmarkt wäre damit um ein Kuriosum ärmer, denn das auflagenstarke Blatt im Südwesten ist die einzige Tageszeitung in der Bundesrepublik, die sich im Besitz eines Landes und seiner Regierung befindet.

Dieser ungewöhnliche Zustand geht auf das Jahr 1955 zurück. Damals hatten sich die Saarländer in einem Volksentscheid für die politische Rückkehr nach Deutschland ausgesprochen. Im deutsch-französischen Saarvertrag, der danach zwischen den Regierungen in Paris und Bonn ausgehandelt worden war, wurde dem Saarland eine Mittlerrolle zwischen den beiden Nachbarnationen zugewiesen. In diese Mittlerfunktion wurde auch die „Saarbrücker Zeitung“ eingespannt. Sie ging in Landesbesitz über und mußte sich zur strikten Unabhängigkeit und zur Förderung der deutsch-französischen Freundschaft verpflichten.

Nach den in Luxemburg getroffenen Vereinbarungen sollte diese Regel uns? bis zu einer Reprivatisierung der Zeitung gelten. Aber der nicht zwingend vorgeschriebene Verkauf ließ auf sich warten. Die Regierung harte zunächst keine Eile und auch kein Interesse, sich von dem lukrativen Objekt zu trennen, und auch die Redakteure waren mit der Luxemburger Lösung zufrieden, weil die befürchtete Einflußnahme der Politiker sich in so bescheidenen Grenzen hielt, daß ihre Meinungsfreiheit nie in Gefahr geriet. Zwei kleine Skandälchen, die in den saarländischen Tageszeitungen unter den Tisch gefegt, im übrigen Bundesgebiet aber aufgebauscht wurden, waren dann der eigentliche Anstoß dafür, daß die Gespräche um eine Reprivatisierung der „Saarbrücker Zeitung“ wieder in Gang kamen. Den Redakteuren an der Saar war vom „Spiegel“ bescheinigt worden, „daß dort, wo Deutschland am ärmsten und und frömmsten ist, die Redakteure am lahmsten und zahmsten sind“. Die Hamburger Meinung wurde von der Saarbrücker Regierung offenbar nicht geteilt. Der saarländische Ministerpräsident Röder ließ wiederholt durchblicken, daß er es leid sei, immer wieder daran erinnert zu werden, daß die „Saarbrücker Zeitung“ praktisch der Regierung gehöre und die Redakteure angeblich kein kritisches Wort gegen ihn und seine Politik zu schreiben wagte: Er fühle sich von „seinen“ Redakteuren keineswegs bevorzugt behandelt. Nach der „Spiegel“-Attacke befürchtete Röder zudem, daß die Schreiber in der Gutenbergstraße nun erst recht ihre Unabhängigkeit demonstrieren und der Regierung häufiger und forscher als bisher am Zeug flicken würden. Unter solchen Voraussetzungen schien ihm ein weitererer Besitz der „Saarbrücker Zeitung“ durch das Land nicht mehr allzu lohnenswert.

Die Reprivatisierung kam ernsthaft ins Gespräch; im Saarlandtag bezogen die Parteien vorläufige Positionen. Die SPD setzte sich für den Stiftungsgedanken ein, wollte aber an der Zeitungsstiftung gleich drei weitere Stiftungen beteiligt sehen: die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Naumann-Stiftung und die Friedrich-Ebert-Stiftung. Aber kaum war dieser Plan bekannt geworden, hatte er einen entschiedenen Gegner: CDU-Ministerpräsident Röder. Die „Saarbrücker Zeitung“, so meinte der Regierungschef, dürfe nicht nach dem politischen Proporz aufgeteilt werden und keine Zeitung sein, die Parteienspiel treibe. Die Christdemokraten, dem Gedanken einer Stiftung, an deren Spitze ein unabhängiges Kuratorium stehen sollte, grundsätzlich nicht abgeneigt, brachten mit ihrem Koalitionspartner FDP eine Bankenlösung ins Gespräch. Nach diesen Vorstellungen sollen fünf Banken die „Saarbrücker Zeitung“ erwerben und damit die politische Unabhängigkeit des Blattes garantieren.

Aber die Banken waren nicht die einzigen Interessenten, die bei der Regierung wegen des Verkaufs der Zeitung anklopften. Auch mehrere große Zeitungsverlage wollten sich das wirtschaftlich gesunde Saarbrücker Unternehmen einverleiben. Zunächst schien es, als sei die Ludwigshafener „Rheinpfalz“ Favorit im Rennen der Aufkäufer. Aber die Nachricht von Verhandlungen zwischen dem pfälzischen Verlag und der Saarregierung fand in der Gutenbergstraße kein begeistertes Echo. Die Übernahme durch ein Konkurrenzunternehmen schien vielen SZ-Angehörigen die schlechteste aller Lösungen zu sein. Die Redaktion appellierte darum auch in der Ausgabe vom 15. August an Regierung und Landtag, bei allen ihren Überlegungen „stets die Bedeutung der Zeitung als eines Sprachrohrs des saarländischen Raums zu würdigen und sich beim Verkauf nicht in erster Linie von wirtschaftspolitischen oder gar fiskalischen Beweggründen leiten zu lassen“.

Aber nicht nur die betroffenen Redakteure meldeten sich zu Wort. Auch andere Gruppen wurden aktiv: der Deutsche Journalistenverband schrieb an Röder, der DGB forderte bei einer Umwandlung der Eigentumsverhältnisse die Form einer Stiftung, und die Junge Union der Saar-CDU verhehlte nicht ihre Sorge, daß im Falle eines Verkaufs an einen außersaarländischen Verlag die Gefahr bestehe, daß wichtige Ressorts aus der „SZ“ abgezogen und zentralisiert werden könnten.