Von Jürgen Habermas

Die Regierungen in Paris und Rom schicken sich an, die Studentenproteste zu beantworten – mit einer tief in die inneren Strukturen der Hochschulen eingreifenden Reform. Auch in der Bundesrepublik gibt es einige Anzeichen dafür, daß es – innerhalb des kulturföderalistisch eingeengten Handlungsspielraums – noch zu einer Veränderung des Hochschulsystems kommt, die das bescheidene Maß der bislang üblichen Routineanpassungen an den alten und der halbherzigen Experimente an den neuen Hochschulen sprengen könnte.

Der Wissenschaftsrat hat so lange neuen Wein in alte Schläuche gegossen, bis diese geplatzt sind. Nun nimmt er post festum in Angriff, womit er vor Jahren hätte beginnen sollen: Empfehlungen zur Organisation der Hochschulselbstverwaltung. Immerhin ist der Wissenschaftsrat das einzige Gremium, dessen Wort nicht Schall und Rauch gewesen ist.

Dann hat es schon vor einigen Monaten einen Bericht der Rektorenkonferenz von Nordrhein-Westfalen gegeben. Nachdem bereits die Godesberger Rektorenerklärung Reformbereitschaft grundsätzlich bekundet hatte, haben in diesem Papier acht Rektoren eines Landes ihren Willen zu weitreichenden Veränderungen der inneren Struktur der Hochschule erklärt. Bisher haben Rektoren eher dazu geneigt, auf den gesunden Kern der deutschen Universität zu schwören,

Schließlich hat in der vergangenen Woche der hessische Kultusminister, Professor Ernst Schütte, einen aufsehenerregenden Referentenentwur: für ein neues Hochschulgesetz angekündigt. Er ist erst in Grundzügen bekannt; doch ist jetzt schon zu sehen, daß damit für die innere Organisation der Hochschule ein ungewöhnliches Modell geschaffen wird. Wenn dieser Entwurf den Landtag passiert, dürften fortan konventionelle Hochschulgesetze vom Typ des soeben in Baden-Württemberg verabschiedeten unwahrscheinlich sein.

Diese Planungen, Berichte und Entwürfe, die ich ihrer Realisierungschancen wegen für beachtlich halte, decken sich, soweit das heute schon zu beurteilen ist, keineswegs in ihren Intentionen. Aber eines haben sie gemeinsam: Sie schlachten heilige Kühe. Nun ist nicht Reform an sich wünschenswert, sondern eine vernünftige Reform. Wir sollten deshalb achtgeben, daß nicht die falschen Kühe geschlachtet und die falschen heilig gehalten werden.

Vier Probleme sind es, die jetzt zur Diskussion und, wie es scheint, nicht nur zur Diskussion stehen: Honoratiorenverwaltung und Höchschulautonomie; Demokratisierung der Hochschule; Abschaffung der Fakultäten; Hochschulgesamtplanung.