Von Joachim Schwelien

Washington, im September

Die Menschenmenge in der Altstadt von Boston ist stattlich, und sie übertrifft alle Erwartungen der örtlichen Parteiorganisatoren und des Gastgebers im Staat Massachusetts, Senator Edward Kennedy. Sie weist aber zum Leidwesen des am Mikrophon stehenden Kandidaten wieder große Blocks von Jugendlichen, Bärtigen und afrikanisch kostümierten Farbigen auf. Und schon dröhnen dem Vizepräsidenten Sprechchöre entgegen: „Dump the Hump, Dump the Hump“ – „Peace now – Peace now!“ Das Sprechen wird Humphrey sauer; flehentlich appelliert an den demokratischen Anstand, ihn doch anzuhören – vergeblich.

Rachedürstend ist ihm auch hierher die Nemesis von Chikago auf den Fersen, in Gestalt der Yippies, der Friedenspartisanen, der militanten Negerjugend und der enttäuschten McCarthy-Gefolgschaft. Sie haben die Polizeiknüppel Bürgermeister Richard Daleys nicht vergessen und geschworen, Hubert Humphrey von Stadt zu Stadt, von Boston nach Philadelphia, von New York nach Springfield zu hetzen und ihm das Leben wie den Wahlfeldzug zur Hölle zu machen. Hubert Horatio Humphrey, der Unverzagte, steckt die Prügel der Jugend Amerikas ein, die sie Lyndon Johnson und der Parteihierarchie der Demokraten zugedacht haben – er muß für alle herhalten.

Die Folgen sind – bis jetzt – für ihn entsetzlich. In den Meinungsumfragen liegt der demokratische Präsidentschaftskandidat weit hinter dem Republikaner Richard Nixon, und wenn heute Wahltag wäre, würde sogar George Wallace, Kandidat der dritten Partei, mehr Bundesstaaten gewinnen als er. Überdies ist er trotz reichlicher Spenden der Gewerkschaften knapp bei Kasse und kann nur sehr wenig Zeit im Fernsehen kaufen; am meisten aber macht ihm zu schaffen, daß er als Vizepräsident sich nicht von den Versäumnissen und Fehlern der Regierung Johnson lossagen kann, ohne in den Geruch der Illoyalität zu geraten – und dabei doch gezwungen ist, diesen Ballast Stück für Stück abzuwerfen, will er weiterschwimmen.

So steht es in dieser ersten Phase des Wahlkampfes schlecht für Humphrey. Da ist jenes runde Drittel der traditionellen demokratischen Wählerschaft und der Unabhängigen, das Frieden um beinahe jeden Preis in Vietnam fordert; da ist die Unzufriedenheit der Gettobewohner, einer ebenfalls traditionell demokratischen Wählergruppe; und da ist die nach Führung verlangende Jugend. Auf der anderen Seite aber steht das für seinen Sieg im November unentbehrliche Mittelbürgertum und die Arbeiterschaft der großen Industriestaaten, stehen die Gewerkschaftsorganisationen, die Bosse der Partei und Lyndon Johnson, der zwar in einem Telegramm an die demokratische Organisation seines Heimatstaates Texas Humphrey als mutigen Streiter für den Fortschritt pries, ihm aber sonst bei jeder Gelegenheit ein Bein stellt, wo es um den Truppenabzug aus Vietnam, um Düsenjäger für Israel oder seine eigene Teilnahme am Wahlkampf geht, und der hinter der hohlen Hand flüstert, ihm wäre Nixon im Weißen Haus ohnehin lieber als sein demokratischer Stallgefährte.

Wieviel leichter scheint es da George Wallace, der kleine Rechtsanwalt und Ex-Gouverneur von Alabama mit dem Boxergesicht des ehemaligen Bantam-Meisters zu haben! Mit behender Demagogie hat er es verstanden, das allgemeine Mißvergnügen in einem einzigen Schlagwort zu projizieren: Recht und Ordnung. Vor anderthalb Jahren brachte Wallace es auf und hat es in einer Ein-Mann-Kampagne im ganzen Land zum Widerhall gebracht, ein Kodewort, unter dem sich alles verstehen läßt: das geheime Grauen des weißen Bürgertums vor dem farbigen Elendsproletariat, der Widerwille der Bürger vor den unrasierten Hippies und ihrer herausfordernden Aufmachung, die Empörung über Wehrdienstverweigerer, Deserteure, Peaceniks und Studenten, die die Universitäten belagern. Im Scheinwerferlicht der Wallace-Parole „Recht und Ordnung“ steht vor dem Amerikaner ein ins Riesenhafte vergrößerter schwarzer Schatten an der Wand; George Wallace braucht kein Wort über die ihm teure Rassentrennung zu verlieren um doch genau verstanden zu werden, wenn er seine Standardrede in Tausenden von Wahlversammlungen abrollt und verspricht: