Von Alexander Rost

Die Fährte beginnt „auf der falschen Seite der Schienen“, wie der Mann, der sich Jack London nannte (und Amerikas erster Berufs-Bestseller-Autor war), einmal geschrieben hat: „Quer durch die Stadt lief eine Straßenbahn, die mit Drahtseilen angetrieben wurde. Nördlich der Schienen lagen die Theater, die Hotels, die Kaufhäuser, die Banken. Südlich der Schienen waren wir: die Fabriken, die Kesselhäuser, die Wohnstätten der arbeitenden Klasse.“

Aus den Slums von San Franzisko führt die Fährte hinaus auf See zu Austernraub und Robbenschlagen, hinein ins Land mit den Schienensträngen ohne Endstation, auf ein Nebengleis namens Zuchthaus auch, hinauf in die extreme Freiheit des arktischen Eldorados am Klondike River und abermals hinweg über den Pazifik zu unfriedlichen Inseln in der Südsee. Es ist die Fährte des in Jack London personifizierten und von ihm postulierten Abenteuers: „Man muß dem Abenteuer dienen mit voller Seele...“ Dieser Fährte sind nachgezogen –

Georg Stefan Troller (Text) / Robert Lebeck (Photos): „Der Abenteurer“ – Das kurze wilde Leben des Jack London; Bertelsmann Sachbuch Verlag, Gütersloh; 160 S., 128 Abb., 24,– DM.

Nach den Kriegen und den Sozialkatastrophen ist vor Jack Londons Schau- und Lehrbühne voller Helden mit Zupacker-Bizeps und Cleverness-Hirnen der Eiserne Vorhang heruntergegangen. Dann und wann tauchen Geschichten und Romane von ihm noch in Taschenbüchern auf; er selber, sein Leben, sein Milieu, sein American way of life aus dem Proletariat in die Amateur-Rancher-Society waren vergessen. Doch Georg Stefan Troller hat den eisernen Vorhang wieder hochgekurbelt. Robert Lebeck, der stern-Photoreporter, der in New York auf der Lauer liegt, hat die Bühne neu ausgeleuchtet.

Das Buch ist als Nachtrag zu jenem Jack-London-Fernsehfilm erschienen, den der Televisions-Feuilletonist Troller (mit Robert Lebeck als Jack-London-Darsteller) vor zwei Jahren hatte drehen lassen. Und etwas von der Euphorie der Dreharbeiten steckt auch in diesem Bildband noch. Da wird dem „Jack“ auf die Schulter geklopft, und da wird er zum Dichter hochstilisiert: „Wer Jack Londons Bücher liest, in einem Lebensalter, wo man noch Ansprüche an sich stellt, kann nie mehr der gleiche sein ...“ Ein bißchen erinnert das an Leute, die soeben aus dem Kino kommen: Im breitbeinigen Cowboy-Gang bewegt man sich zum Parkplatz, lässig spielen die Hände in der Nähe des imaginären Coltgriffs, vollzogen ist die Identifikation mit dem tollen Burschen. Dann sitzt man wieder im Auto.

In einer Art Jack-London-Rausch hat Georg Stefan Troller diese Biographie geschrieben, nach- und mitfühlend, jugendlich begeistert, aber doch ganz und gar unkritisch. Und das ist schade: denn Jack London, der sich als „guten Ausspinner“ bezeichnet und stets in strenger Disziplin geschrieben hat, bedarf einer neuen, gleichsam röntgenologischen Untersuchung. Hinter dem Spektakulum des Abenteuers und auch hinter Schilderungen wie in „Wolfsblut“ etwa, die durchaus – wenn auch nicht zur Weltliteratur – zur Literatur der Welt, zählen dürfen, steckt heute noch oder heute wieder Aktuelles. In diesem Bildband kommt es am deutlichsten in sentenziösen Zitaten zum Ausdruck: „Diese Welt verschenkt nichts, man zahlt nach eisernen Regeln.“ Oder: „Das Treppenhaus der Zeit hallt wider vom Aufstieg der Holzschuhe und vom Abstieg der Lackstiefel.“