Trotz aller optimistischen Berichte der Banken über die Zukunft der deutschen Aktienkurse und trotz aller Kaufempfehlungen der Börseninformationsdienste ist das Börsengeschäft nur noch ein Schatten dessen, was es in diesem Sommer war. Die institutionellen Anleger sehen keinen Anlaß, sich auf der gegenwärtigen Kursbasis mit neuem Geld zu engagieren, und bei den deutschen Fonds fehlt erstmals seit langer Zeit der finanzielle Nachschub. Viele Fonds sind offensichtlich bemüht, ihre liquiden Polster aufzustocken. Auf der anderen Seite sind gerade viele erstklassige deutsche Standardaktien in den letzten Wochen so stark zurückgefallen (VW-Aktie um mehr als 10 Prozent unter Jahreshöchstkurs), daß vielen Leuten die Lust an der Realisierung von Kursgewinnen vergangen ist. Die Börse befindet sich wieder einmal in der bekannten Zwickmühle: Zum Kaufen zu teuer, zum Verkaufen zu billig. Die Folge ist allgemeine Lust- und Umsatzlosigkeit.

Noch ist nicht zu sehen, daß sich an dieser Situation schon bald etwas Grundlegendes ändern wird. Immerhin deutet sich nach Abklingen der Aufwertungsdiskussionen die Rückkehr zum normalen Anlagedenken an. Davon profitieren zunächst die Aktien der Großchemie, wo nach BASF und Hoechst demnächst auch Bayer mit einem ausgezeichneten Zwischenbericht aufwarten wird. Er wird, so hofft man, den letzten Zweifel an der seit Monaten im Gespräch befindlichen Dividendenerhöhung beseitigen. Ein führender Bayer-Mann soll geäußert haben: Bei uns gibt es kein Verkaufen mehr, sondern nur noch ein Verteilen der Produkte. Dies mag eine ziemliche Übertreibung sein, tatsächlich ist die Chemie aber zufrieden.

In den Kursen der beiden Elektrowerke AEG und Siemens „ist der Wurm drin“, meinen die Börsianer. Die Ankündigung, auf Teilgebieten kooperieren zu wollen, ist in Anlegerkreisen nicht als kostensparende Rationalisierung aufgefaßt worden, sondern eher als ein Beweis für den hohen Grad der Schwierigkeiten, denen sich die deutsche Elektroindustrie im Kampf mit der amerikanischen Konkurrenz gegenübersieht. Natürlich können die deutschen Elektrounternehmen noch nicht mit spektakulären Auftragszahlen aufwarten, das wird erst in der zweiten Phase des allgemeinen Aufschwungs der Fall sein, dann nämlich, wenn die Investitionsneigung wächst.

Mit der eingekehrten Ruhe hat auch das Spekulationsfieber in den Kohlewerten nachgelassen. Vor weiteren Engagements will man zunächst handfeste Rechnungen darüber sehen, wieviel für den Aktionär übrig bleibt, wenn die Zichen in der Kohleeinheitsgesellschaft verschwinden. Als große Hoffnungsaktie bleibt der deutschen Börse aber weiterhin GBAG. Die Meinungen über den erreichbaren Kurs dieses Papiers sind geteilt. Einmal heißt es, daß es noch lange dauern wird, bis sich ein finanzkräftiger Freier für dieses Unternehmen findet, zum anderen kreisen aber ständig Gerüchte über angebliche Verhandlungen mit dem Ziel, den Öl- und Chemiezweig der GBAG zu schlucken. Als Interessenten wurden in der vergangenen Woche neben Veba und Hoechst auch das RWE genannt. Hoechst hat dementiert, ein Abfindungsangebot vorbereitet zu haben. Ein solches scheint indessen Texaco für die letzten freien Aktionäre der Deutschen Erdöl-AG vorzubereiten. K. W.